Posts Tagged ‘Winkelwaage’

Wanted: Konfrontation auf Augenhöhe!

Sonntag, Februar 5th, 2017


Beim Aufschlagen der Zeitung sprang mir neulich folgendes Zitat von Joachim Gauck ins Auge: “Heftig streiten, aber mit Respekt und mit dickem Fell.” Eine offensive, robuste Streitkultur fordert Noch-Bundespräsident Gauck in seiner Abschiedsrede - die Fähigkeit des fairen Streitens um Inhalte scheint in unserer angeblich “postfaktischen” Zeit mit ihren Verbal-Schlachten mehr und mehr abhanden zu kommen. Es ist ja auch eine Herausforderung, auf argumentative Tiefschläge nicht mit “Gegenwehr” zu reagieren, sondern stattdessen eine faire, respektvolle Konfrontation zu wagen! Der Begriff “Konfrontation” leitet sich vom lateinischen “confrontatio” ab, was soviel wie “Gegenüberstellung” bedeutet. In “confrontatio” stecken das lateinische “con” (”zusammen, mit”) und “frons” (”Stirn”) - eigentlich geht es also darum, einander “die Stirn zu bieten”: es geht um eine Gegenüberstellung “auf Augenhöhe”. Im Werkzeugkasten der freimaurerischen Symbole findet sich als Anregung zur Auseinandersetzung mit dieser Fähigkeit der Begegnung u.a. die Winkelwaage. Auf die im rituellen Wechselgespräch gestellte Frage “Wie sollen Schwestern einander begegnen?” lautet die Antwort: “Auf gleicher Ebene, auf der Winkelwaage”. Und wie kann das im Alltags-Streitgespräch - nicht nur unter Schwestern - ganz konkret aussehen? Vielleicht geht es darum, überhaupt (wieder) miteinander zu sprechen - vielleicht auch darum, (noch) mehr Mühe in klare Kommunikation zu investieren; sowohl zuzuhören als auch den eigenen Standpunkt offen zu vertreten; weniger schnell aufzugeben, wenn Auseinandersetzungen kompliziert werden; den/die Menschen hinter der Meinung nicht aus den Augen zu verlieren… Ja, das ist anstrengend. Sehr sogar. Aber wie die Alternative aussieht, und dass sie keine wirkliche Alternative ist, erleben wir gerade. In diesem Sinne: Augen auf und durch!

Denken Sie bitte nicht an Blau - oder: wie Freimaurer arbeiten

Donnerstag, Juni 23rd, 2016

Mein Google-Alert meldete dieser Tage einen Bericht von bzw. über eine Loge. Die Überschrift bediente sich hartnäckiger Vorurteile, die ich hier nicht wiederhole, und setzte dem ein “wir … nicht” voran. Der Text war ganz informativ, dennoch ist das offensichtliche Bemühen um transparente Öffentlichkeitsarbeit schon vorher verloren. Warum? Einfach weil unser Gehirn so ist, wie es ist. Wir verarbeiten ständig eine gigantische Flut von Informationen und reagieren darauf - jenseits aller modernen Medien. Schon bei einem Gang über die Straße beispielsweise hören und sehen wir, was passiert, bewerten die Information, und legen im Zweifel einen Zahn zu, wenn sich beispielsweise ein Fahrzeug zu schnell nähert. Das alles sind keine bewussten Prozesse. Sie laufen automatisiert in unserem Gehirn und helfen uns dabei zu überleben. Das Problem: Unser Unterbewusstsein versteht keine Verneinung. Viel zu kompliziert. “Denken Sie jetzt mal nicht an Blau!” ist ein einfaches Beispiel. 
Damit wird zum Einen deutlich, warum das negierte Wiederholen von Verleumdungen oder Vorurteilen keinen positiven Effekt hat, sondern im Gegenteil, das doch so Falsche weiter präsent hält und sogar verbreitet.
Zugleich bringt mich dieser Punkt auf einen Kern freimaurerischer Arbeit: In der Loge hören Freimaurerinnen positive Aussagen, etwa: Wie sollen wir uns begegnen? Auf gleicher Ebene, auf der Winkelwaage. Wir wiederholen eben nicht fortgesetzt, was nicht gut ist. Wir nutzen positive Bilder und verstärken damit das positive Verhalten. Wir holen das, was wir wollen, beispielsweise also einen toleranten, menschlichen Umgang miteinander, durch Sprache in die Wirklichkeit. Die positive Formulierung dringt bis in das Unterbewusstsein und das hilft bei der realen Veränderung. Es wirkt. Davon bin ich jedenfalls überzeugt. 

(Foto: Dieter Schütz/Pixelio)

Freimaurerei und Esoterik

Mittwoch, April 22nd, 2015

esoterisch

In der Freimaurerei ist häufig von Werkzeugen aus dem Bauhandwerk die Rede, beispielsweise von Senkblei, Winkelwaage, Spitzhammer oder Kelle. Die Freimaurerinnen arbeiten symbolisch mit diesen Werkzeugen. Zu der allgemein bekannten, der exoterischen Bedeutung, kommt eine weitere hinzu. Das Senkblei oder Lot dient im Handwerk der Bestimmung der Senkrechten. Als Freimaurerin steht dieses Werkzeug für mich im übertragenen Sinne zusätzlich für das Ausloten meiner Mitte und meiner Motive. Diese Bedeutung ist nicht allgemein bekannt, sondern nur den Menschen, die sich mit Freimaurerei beschäftigen bzw. Freimaurerinnen sind. Sie ist esoterisch, d.h. nur den „Eingeweihten“ bekannt. Diese Definition geht auf Platon zurück und wurde von ihm im Zusammenhang mit den ägyptischen Mysterien geprägt.
Das Werkzeug, hier das Senkblei, an sich ist generell bekannt. Hier findet sich der entscheidende Unterschied zum Geheimen: Geheimes würde nicht allgemein bekannt sein, sondern ausschließlich im Verborgenen verwendet oder ausgetauscht.
Als Freimaurerin verwende ich keine geheimen Symbole. Doch ich verbinde mit alltäglichem (Bau-)Werkzeug weitere, symbolische und über die eigentliche Funktion hinausgehende Bedeutungen, die auch allen anderen Freimaurerinnen bekannt sind, darüber hinaus jedoch nicht verstanden werden. So gesehen ist Freimaurerei esoterisch.
Das Wort wird heute in der Alltagssprache in einer ausgedehnten und für mich nicht klar fassbaren Form verwendet. Deshalb möchte ich ergänzen: Wörter wie irrational, rätselhaft oder nebulös sind für mich in der Freimaurerei definitiv keine Synonyme zu esoterisch.

(Foto: Jutta Nowack, Pixelio)

Auf gleicher Ebene – Gedanken über die Winkelwaage

Donnerstag, April 2nd, 2015

Winkelwaage
Die Winkelwaage stellt ein Dreieck mit rechtem Winkel und genau dort angebrachtem Lot dar. Wird die Winkelwaage horizontal ausgerichtet, so teilt das Lot das Dreieck in zwei gleichgroße Dreiecke, wiederum mit rechtem Winkel. Ohne die Beachtung dieser elementaren Grundlagen wird kein Bau gelingen, weder ein profaner Hausbau noch der Tempelbau der Freimaurer. 
Symbolisch stellt die Winkelwaage das Verhältnis der Freimaurer zueinander dar. Mit der Winkelwaage prüft die Freimaurerin ihren Winkel zu anderen. Ziel ist, anderen Menschen auf der Horizontalen, 2-dimensional gesprochen auf gleicher Ebene, d.h. auf Augenhöhe zu begegnen. Die Winkelwaage steht für die Gleichheit, das Gleichgewicht aller Dinge, die gleiche Würdigung aller, dafür, dass alle Vorrechte wie Geburt, Stand, Besitz sich dem reinen Menschentum unterordnen. Ziel ist, dem Menschen als Mensch zu begegnen, unabhängig von Stand, Alter, Herkunft, sozialem Status oder weiteren Unterscheidungsmerkmalen.
Aber was heißt es denn nun in der Praxis, sich auf gleicher Ebene zu begegnen? Was muss ich dafür tun, dass dies stattfindet?
Wie alles in der Freimaurerei passiert das ja nicht von selbst, sondern will erarbeitet sein. Am ehesten ist die gleiche Ebene zu erreichen, wenn sich alle Beteiligten darüber klar sind, dass jede Einzelne etwas dazu tun muss und die Austarierung der Waage nur im Miteinander der Schwestern funktioniert.
Ich muss bereit sein, mich zurückzunehmen, mein Gegenüber als gleichwertig und ihr Anliegen, ihre Äußerungen als gleich wichtig anzunehmen. Meine Schwester in erster Linie als anderen Menschen anzusehen, gelingt nur, wenn ich vorschnelle Bewertungen unterlasse. Auf derselben Ebene, auf Augenhöhe, ist kein Argument mehr wert oder wichtiger als ein anderes, niemand sieht auf den anderen hinunter, aber - und das ist genauso wichtig - auch niemand zu jemandem hinauf. Das heißt, profane Dinge wie z. B. die Position oder Stellung spielen keine Rolle. Ob jemand Lehrling oder Meisterin ist, alt oder jung, reich oder arm, ist unerheblich. 
Und wenn man keine gemeinsame Ebene hat? Dann sollte die Bereitschaft bestehen, sich zu bewegen, jeweils einen Schritt auf den anderen zuzugehen. Wenn wir begreifen, wo wir stehen, wie wir uns benehmen, wie wir wirken, können wir auf die gleiche Ebene hinarbeiten.
Aber was passiert, welche Folgen hat es, wenn die Winkelwaage nicht beachtet wird? Wenn sich die Schwestern nicht auf gleicher Ebene begegnen? Wie kann es dazu kommen? Wann ist es denn soweit? Wie bemerke ich das? Ist das wirklich so schlimm? Was kann ich dagegen tun? Das sind Fragen, die sich jede von uns stellen sollte, denn es ist wichtig, sich der Tragweite bewusst zu werden, die eine Missachtung der Winkelwaage haben kann, ja, ich fürchte, zwangsläufig haben muss. 
Ich glaube, die Folgen kommen schleichend, bauen sich auf und können zerstörend auf die Loge wirken. Hierarchien bilden sich aus, bleiben lange unerkannt und schleifen sich ein. Herablassender Umgang oder - in die andere Richtung - ein Umgang in geduckter, erwartender Haltung werden als normal empfunden.
Wenn sich Schwestern nicht auf gleicher Ebene bewegen, ist der Bau nicht stabil, nicht standfest, der rechte Winkel ist gar keiner. Trifft das Lot nicht mittig auf die Waagerechte, gibt es auch keinen rechten Winkel.
Wie sollen sich denn die Steine der einzelnen Schwestern in den Tempel einpassen können, wenn der nicht in der Waage steht? Das Gefühl, nicht „reinzupassen“ ist dann vielleicht dieser nicht waagerechten, leicht abschüssigen Basis geschuldet.
Für mich gehören daher auch Mut und Vertrauen zum Symbol der Winkelwaage. Es gehört Mut dazu, Dinge anzusprechen, die vielleicht aus der Waage geraten sind, die im schwesterlichen Dialog aber wieder in die Waage gebracht werden können. Und nur im Vertrauen darauf, dass Schwestern mit entsprechenden Äußerungen freimaurerisch umgehen, werden sie auch benannt.
 

Vernunft und Liebe in der Freimaurerei (3/3)

Dienstag, Dezember 16th, 2014

Teil 3 - Ein Widerspruch?
Manchmal mag es scheinen, als gebe es in der Freimaurerei einen Widerspruch zwischen Vernunft und Liebe. Zum Beispiel die Wasserwaage, auf der alle Schwestern gleich sind. In welcher Gemeinschaft gibt es das, dass ein neues Mitglied den schon lange dazu gehörenden, altgedienten, gleich gestellt wird? Sie kann zwar noch nicht alle Ämter übernehmen, dennoch gilt ihre Stimme bei allen Abstimmungen wie jede andere. Es gibt Freimaurer, die meinen, es sein vernünftiger, die neu aufgenommene Schwester oder den Bruder von manchen Entscheidungen auszuschließen, ja ein gewisses Redeverbot im ersten und zweiten Grad auszusprechen, weil sie sich noch nicht auskennen. Sie sollen lieber zuhören. Damit wird aber zugleich der erfrischende, belebende, weil noch unbefangene Blick ausgeschaltet. Es scheint manchen vernünftig, das Althergebrachte und Erprobte vor dem Urteil der Neuen zu schützen, die ja noch keine Erfahrung haben. Vom Standpunkt der Liebe aus ist aber das Nichthören auf Neues, noch Ungewisses ein Verlust, weil vom Wesen der Liebe her das Heute entscheidend ist. Wenn ich sage: ich liebe, dann heißt das: ich liebe heute, nicht gestern oder morgen.
Wenn wir aus schwesterlicher Liebe die Neue ernst nehmen, ist das Ergebnis immer vernünftig, mag es zunächst auch unvernünftig erscheinen. Es erweist sich letztlich als förderlich für unsere Gemeinschaft, denn es verpflichtet die älteren Schwestern zur Aufmerksamkeit gegenüber den jüngeren, neuen Schwestern. Aufmerksam füreinander zu werden, scheint mir eine sicherere Basis als Aufmerksamkeit für die Tradition! Außerdem kann das Talent, das eine jede neue Schwester mitbringt, von Anfang an der Gemeinschaft zugute kommen. Und die Aufmerksamkeit vonseiten der älteren bewirkt bei den jüngeren Schwestern das Hinhören auf die Gedanken und Erfahrungen der älteren. Das ist meine persönliche Erfahrung mit meiner Bürgin.
Das ist das Schöne, dass wir einander respektieren und anerkennen und uns freuen über die vielfältigen Begabungen, die sich in einer solchen Gemeinschaft dann offenbaren. Das ist das, was eine Gemeinschaft auch zusammenhält - dieses Bewusstsein vielfältiger Talente und vielfältiger Menschen in ihre Eigenart, die alle zusammenkommen als Freimaurerinnen. Das ist unsere Freude aneinander. 
Die Liebe will auch nicht urteilen, wer wo etwas falsch machte oder versagte. Vielmehr hat ein liebender Mensch das Ziel und die Sache im Auge, weil er diese Sache schätzt. Darum ist, wer liebt, an einer Lösung interessiert und nicht daran zu untersuchen, wie es zur Schwierigkeit kam. Im Grunde erlaubt uns unser Freimaurersein überhaupt kein anderes Miteinanderumgehen als ein an der Sache orientiertes Verhalten. Das ist Aufklärung mit Herz. Was die Vernunft erkennt, kann nicht ohne Liebe verwirklicht werden. 
Für die Meisterin hat das letzte Wort immer die Liebe. Der Lehrling soll lernen, winkelrecht, vernünftig einzusehen und zu handeln; die Gesellin wird schon ermuntert, auf Liebe zu bauen; die Meisterin schließlich wird hingewiesen auf die heilende, überwältigende Wirkung der Liebe. Es beginnt mit der Vernunft und endet mit der Liebe.