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Vernunft und Liebe in der Freimaurerei (3/3)

Dienstag, Dezember 16th, 2014

Teil 3 - Ein Widerspruch?
Manchmal mag es scheinen, als gebe es in der Freimaurerei einen Widerspruch zwischen Vernunft und Liebe. Zum Beispiel die Wasserwaage, auf der alle Schwestern gleich sind. In welcher Gemeinschaft gibt es das, dass ein neues Mitglied den schon lange dazu gehörenden, altgedienten, gleich gestellt wird? Sie kann zwar noch nicht alle Ämter übernehmen, dennoch gilt ihre Stimme bei allen Abstimmungen wie jede andere. Es gibt Freimaurer, die meinen, es sein vernünftiger, die neu aufgenommene Schwester oder den Bruder von manchen Entscheidungen auszuschließen, ja ein gewisses Redeverbot im ersten und zweiten Grad auszusprechen, weil sie sich noch nicht auskennen. Sie sollen lieber zuhören. Damit wird aber zugleich der erfrischende, belebende, weil noch unbefangene Blick ausgeschaltet. Es scheint manchen vernünftig, das Althergebrachte und Erprobte vor dem Urteil der Neuen zu schützen, die ja noch keine Erfahrung haben. Vom Standpunkt der Liebe aus ist aber das Nichthören auf Neues, noch Ungewisses ein Verlust, weil vom Wesen der Liebe her das Heute entscheidend ist. Wenn ich sage: ich liebe, dann heißt das: ich liebe heute, nicht gestern oder morgen.
Wenn wir aus schwesterlicher Liebe die Neue ernst nehmen, ist das Ergebnis immer vernünftig, mag es zunächst auch unvernünftig erscheinen. Es erweist sich letztlich als förderlich für unsere Gemeinschaft, denn es verpflichtet die älteren Schwestern zur Aufmerksamkeit gegenüber den jüngeren, neuen Schwestern. Aufmerksam füreinander zu werden, scheint mir eine sicherere Basis als Aufmerksamkeit für die Tradition! Außerdem kann das Talent, das eine jede neue Schwester mitbringt, von Anfang an der Gemeinschaft zugute kommen. Und die Aufmerksamkeit vonseiten der älteren bewirkt bei den jüngeren Schwestern das Hinhören auf die Gedanken und Erfahrungen der älteren. Das ist meine persönliche Erfahrung mit meiner Bürgin.
Das ist das Schöne, dass wir einander respektieren und anerkennen und uns freuen über die vielfältigen Begabungen, die sich in einer solchen Gemeinschaft dann offenbaren. Das ist das, was eine Gemeinschaft auch zusammenhält - dieses Bewusstsein vielfältiger Talente und vielfältiger Menschen in ihre Eigenart, die alle zusammenkommen als Freimaurerinnen. Das ist unsere Freude aneinander. 
Die Liebe will auch nicht urteilen, wer wo etwas falsch machte oder versagte. Vielmehr hat ein liebender Mensch das Ziel und die Sache im Auge, weil er diese Sache schätzt. Darum ist, wer liebt, an einer Lösung interessiert und nicht daran zu untersuchen, wie es zur Schwierigkeit kam. Im Grunde erlaubt uns unser Freimaurersein überhaupt kein anderes Miteinanderumgehen als ein an der Sache orientiertes Verhalten. Das ist Aufklärung mit Herz. Was die Vernunft erkennt, kann nicht ohne Liebe verwirklicht werden. 
Für die Meisterin hat das letzte Wort immer die Liebe. Der Lehrling soll lernen, winkelrecht, vernünftig einzusehen und zu handeln; die Gesellin wird schon ermuntert, auf Liebe zu bauen; die Meisterin schließlich wird hingewiesen auf die heilende, überwältigende Wirkung der Liebe. Es beginnt mit der Vernunft und endet mit der Liebe. 

Vernunft und Liebe in der Freimaurerei (2/3)

Samstag, Dezember 13th, 2014

Teil 2 - Liebe
So sehr uns heute der radikale Einsatz der Vernunft sympathisch ist, es liegt darin schon die Gefahr verborgen, der man in der Aufklärung erlegen ist: die Verabsolutierung der menschlichen Vernunft in der Weise, dass man einfach nichts mehr gelten lässt, was über den Bereich der Vernunft hinaus gehen könnte.
Der Kopf ist nicht der ganze Mensch. Es gehört wesentlich das Herz dazu, das heißt, die Liebe. Die Liebe ist DAS menschliche Erbe! Doch gibt es im Fall der Liebe einen Worteverfall. Nicht die Sache, der Wert, die Liebe ist verfallen, verschwunden, sondern das Wort Liebe ist abgenutzt. Wählen wir statt der Substantivs Liebe lieber das Verb lieben, denn nur wenn Menschen lieben, gibt es Liebe.
Wie der Körper durch das Atmen lebt und stirbt, wenn das Atmen aufhört, so lebt die Seele durch Lieben. Der russische spirituelle Meister Gurdjeff hatte die Vorstellung, dass viele Menschen gar keine Seele haben, weil sie nie angefangen haben zu lieben. Lieben wandelt die im Menschen vorhandene Möglichkeit in eine Wirklichkeit. So sagen wir ja auch ein Mensch habe oder sei eine große Seele, was so viel heißt wie: er ist gütig, großmütig, liebevoll usw.
In jedem Mensch schlummert die Liebesfähigkeit als ein Samenkorn. Mir scheint eine der grundlegenden menschlichen Illusionen darin zu bestehen, dass wir vorgeben oder meinen zu wissen, was Lieben bedeutet und darum Lieben nicht entdecken. Denn wenn ich der Meinung bin, etwas zu können, kann ich die Notwendigkeit nicht sehen, es lernen zu müssen und danach zu suchen. Meist kommen wir nur durch leidvolle Erfahrung dahin: ich will lieben lernen. Aus freimaurerischer Sicht ist Lieben, Menschenliebe immer schon etwas, woran wir arbeiten können und müssen. Liebe ist nichts Fertiges. Freimaurerische Ideale übernehmen heißt: tolerantes Verhalten einzuüben, lieben zu lernen, die Geschwisterlichkeit der Menschen zu erkennen, kurz: die Bereitschaft zu lernen mitzubringen.
Wenn wir Lieben verstehen wollen, müssen wir aufhören zu rechnen.
Nichts ist vielgestaltiger als die Liebe, heißt es bei Paulus. Eros, der da die Sterne wälzt und Sonnen, schreibt Dante. Eros ist der älteste Gott, sagt Platon. Gott ist die Liebe, steht im 1. Johannesbrief. Worin drückt sich schwesterliches Lieben aus? Im Verständnis füreinander, in gegenseitigem Wohlwollen, im Respektieren auf der Wasserwaage. Der Zirkel, der Liebe symbolisiert. Schönheit vollende den Bau! Liebe vollende unsere Arbeit.
Duns Scotus, Franziskaner und berühmter Theologe, der 1308 in Köln starb, hat eine wunderbare Formulierung gefunden:

Amo, voll ut sis. Ich liebe dich, ich will, dass du bist.

Das ist ein Lieben, dass mit Vernunft zu tun hat. Indem ich einen Menschen liebe, bejahe ich seine Existenz. Und seltsamer Weise auch meine eigene. Denn um zu sagen: ich will, dass du bist, benötige ich eine gewisse innere Stärke, die wiederum zunimmt im Lieben eines anderen Menschen.
Liebe - freimaurerisch Humanität - sind große Wörter. Was heißt das in unserem täglichen Umgang miteinander?

Geduld - Liebe, die ertragen kann
Freundlichkeit - Liebe, die Freude bewirkt
Großzügigkeit - Liebe, die nicht neidisch ist
Anstand - Liebe, die sich nicht unverschämt benimmt
Selbstlosigkeit - Liebe, die nicht den eigenen Voteil sucht
Gelassenheit - Liebe, die sich nicht reizen lässt
Aufrichtigkeit - Liebe, die mit der Wahrheit übereinstimmt
Mitgefühl - Liebe, die sich mitfreut und mitleidet

Vernunft und Liebe in der Freimaurerei (1/3)

Sonntag, Dezember 7th, 2014

Teil 1 - Vernunft
Was bedeuten Vernunft und Liebe in der Freimaurerei?
Ein Lahmer und ein Blinder wurden im Wald von einem Feuer überrascht. Da nahm der Blinde den Lahmen auf die Schulter und beide konnten sich retten. Liebe ohne Vernunft ist blind. Vernunft ohne Liebe ist lahm. Die Liebe, das Herz, nimmt die Vernunft, den Kopf, auf die Schulter. Vernunft ist Kopfarbeit, Liebe ist Herzarbeit. Arbeit ist also beides!
Die Loge ist eine Herausforderung für jede von uns, vernünftig handeln und lieben zu lernen. Gerade in einer kleinen Gemeinschaft lässt sich leichter herausfinden, ob eine Sache vernünftig und ob sie mit schwesterlicher Liebe ausgeführt wird, als in einer sehr großen Gemeinschaft, wo eine einzelne sich verstecken oder bedeckt halten kann. 
Auf dem freimaurerischen Einweihungsweg scheint es vernünftig zu fragen: Geht das ohne Anleitung? Brauchen wir spirituelle Führung? Sollte sich ein „freier Mensch von gutem Ruf“ darum bemühen, geführt zu werden? Die Freimaurerin ist in der Loge keiner Führung unterstellt, vielmehr ist jede einzelne Schwester gefordert, sich um ihr Weiterkommen selbst zu kümmern. Hier wird das geistige Erbe der Aufklärung wirksam: nicht denken lassen sondern selber denken. Das Erleben von Gemeinschaft und freimaurerischer Arbeit soll eine Wandlung bewirken, deren Wirkungen jedoch nicht messbar oder nachprüfbar sind.
Vernunft ist das richtige Aufnehmen und das Vermögen, das Aufgenommene zu verarbeiten und in einen Zusammenhang zu bringen. Nur echtes Fragen führt zu echten Erkenntnissen. Das sind Erkenntnisse, die uns verwandeln. Freimaurerisch ist ja der Gedanke: Wir sollen nicht bleiben, was wir sind. Und das wiederum, ohne uns auf eine alle verpflichtende Norm auszurichten. Das setzt eigenes Suchen, Fragen und Denken voraus. Vernunft als Sinnsuche.
Als geistige Kraft auf der Suche nach Sinn und gemeinschaftsstiftend ist die Vernunft ein geistiges Vermögen, dem wir heute das sinnliche Vermögen nicht unter- sondern nebenordnen.
Ja zum ganzen Menschen, zu Geist und Sinnen - und das mit Vernunft. Nicht die reine Geistigkeit oder reine Körperlichkeit, sondern sowohl das Geistige als auch das Leiblich-/Materielle verdienen unsere Wertschätzung. Wie schön ist es doch, heute vernünftig zu sein! Wir übersehen nicht die Not um uns her, aber wir sind aufgeschlossen für die Vision einer mit Vernunft und Liebe gestalteten Welt, die in jeder einzelnen von uns ihren Anfang nimmt. 
Wie wirkt sich Vernunft in unserem persönlichen Leben aus?
Im Denken: Selber denken und nicht denken lassen!
Im Handeln: In der Toleranz, denn die Toleranz ist die Forderung, die sich aus dem Selberdenken ergibt: Wie ich für mich in Anspruch nehme, selber zu denken, gestehe ich das auch der anderen zu und respektiere ihr Denken.
Im Lieben: Es ist vernünftig zu lieben. Die Aufklärung erhebt die Forderung der allgemeinen Menschenliebe.