Posts Tagged ‘Toleranz’

Denken Sie bitte nicht an Blau - oder: wie Freimaurer arbeiten

Donnerstag, Juni 23rd, 2016

Mein Google-Alert meldete dieser Tage einen Bericht von bzw. über eine Loge. Die Überschrift bediente sich hartnäckiger Vorurteile, die ich hier nicht wiederhole, und setzte dem ein “wir … nicht” voran. Der Text war ganz informativ, dennoch ist das offensichtliche Bemühen um transparente Öffentlichkeitsarbeit schon vorher verloren. Warum? Einfach weil unser Gehirn so ist, wie es ist. Wir verarbeiten ständig eine gigantische Flut von Informationen und reagieren darauf - jenseits aller modernen Medien. Schon bei einem Gang über die Straße beispielsweise hören und sehen wir, was passiert, bewerten die Information, und legen im Zweifel einen Zahn zu, wenn sich beispielsweise ein Fahrzeug zu schnell nähert. Das alles sind keine bewussten Prozesse. Sie laufen automatisiert in unserem Gehirn und helfen uns dabei zu überleben. Das Problem: Unser Unterbewusstsein versteht keine Verneinung. Viel zu kompliziert. “Denken Sie jetzt mal nicht an Blau!” ist ein einfaches Beispiel. 
Damit wird zum Einen deutlich, warum das negierte Wiederholen von Verleumdungen oder Vorurteilen keinen positiven Effekt hat, sondern im Gegenteil, das doch so Falsche weiter präsent hält und sogar verbreitet.
Zugleich bringt mich dieser Punkt auf einen Kern freimaurerischer Arbeit: In der Loge hören Freimaurerinnen positive Aussagen, etwa: Wie sollen wir uns begegnen? Auf gleicher Ebene, auf der Winkelwaage. Wir wiederholen eben nicht fortgesetzt, was nicht gut ist. Wir nutzen positive Bilder und verstärken damit das positive Verhalten. Wir holen das, was wir wollen, beispielsweise also einen toleranten, menschlichen Umgang miteinander, durch Sprache in die Wirklichkeit. Die positive Formulierung dringt bis in das Unterbewusstsein und das hilft bei der realen Veränderung. Es wirkt. Davon bin ich jedenfalls überzeugt. 

(Foto: Dieter Schütz/Pixelio)

Religion ist Privatsache – oder: Die „Alten Pflichten“ sind nicht das Evangelium

Mittwoch, Juni 15th, 2016

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„Freimaurer müssen zwingend gläubig sein“, Freimaurerei setzt den Glauben an ein höheres Wesen oder an etwas Göttliches voraus.“ – solche Sätze höre und lese ich oft, auch in den einschlägigen facebook-Gruppen. Und zur Begründung der oft sehr kategorisch vorgetragenen „Basta“-Aussagen in Sachen Glaubenspflicht folgt oft und gern der Rückbezug auf Schriften eines gewissen Anderson von 1723, auf die so genannten „Alten Pflichten“. Der Mann hat damals eine Art Hausordnung, ein großes Regelwerk für Logen geschrieben. Vor knapp dreihundert Jahren war das offenbar notwendig – und es war fortschrittlich und klug, zeitgemäß und passend; auch heute noch gibt es Hausgesetze oder Logenordnungen, die vereinbarte Regeln festhalten. Die „Alten Pflichten“ wurden aber leider so berühmt und mit der Zeit so glorizfiert, dass sie für viele auch heute noch das Evangelium zu sein scheinen, dem buchstabengetreu Folge zu leisten ist. Ich halte das für einen großen Fehler. Die Haltung, dass ausgerechnet dieser Text auf ewig und wortwörtlich zu gelten habe, ist ein Rücksprung in vormoderne Zeiten und wirkt so fundamentalistisch und rückwärtsgewandt wie die Fundamentalismen mancher Bibel- oder Koran-Eiferer. Wir wissen heute, dass heilige Bücher der Religionen, politische Essays, Gesetzessammlungen, ja selbst wissenschaftliche Forschungsergebnisse ebenso wie die so genannten Alten Pflichten Andersons nur im historischen Gesamtkontext verständlich, schlüssig und gültig sind und zu gegebener Zeit fortgeschrieben, verändert und weiter entwickelt werden (müssen). Denn mit der Zeit tun sich neue, andere, breitere Wissens- und Erfahrungshorizonte auf. Ein moderner aufgeklärter Mensch weiß, dass auch Menschen ohne religiösen Glauben, ohne den Glauben an Göttliches oder göttliche Lenkung ethisch und moralisch handeln und sich ernsthaft mit Ethik und Humanismus auseinandersetzen können. Und er weiß, dass auch Menschen mit religiösem Glauben extremistisch, gewalttätig, zwanghaft und rechthaberisch sein können. Ein moderner aufgeklärter Mensch weiß, dass die Existenz Gottes weder bewiesen noch widerlegt werden kann. Insofern ist es logisch und richtig, wenn Menschen in der Postmoderne sich frei entscheiden, ob sie an Gott oder Göttliches glauben oder nicht – und die jeweils andere Entscheidung respektieren. Die automatische Koppelung der Freimaurerei an einen wie auch immer gearteten Glauben aber ist überholt. Manche Freimaurerinnen in unseren Logen glauben, sind sogar in Kirchen aktiv, manche glauben nicht und haben mit Religionen nichts zu tun. Das spielt bei uns keine Rolle. Ich meine, dass in der humanitären Freimaurerei religiöse Glaubensbekenntnisse generell kein Auswahl- und kein Ausschlusskriterium sein sollten. Einzig wichtig ist, dass Menschen, die in unseren Bund eintreten möchten, sich mit Toleranz, Humanität, Selbsterkenntnis und Wohlwollen, mit Liebe, Freiheit und Frieden identifizieren können und dazu beitragen möchten, dass sich diese Werte im Miteinander besser entfalten können. Was nicht zu uns passt, sind u.a. Menschenverachtung, Fanatismus, Egozentrismus, Hass, Gewalt und Zwang – ob mit oder ohne Gott.

Alles digital? Freimaurerei im 21. Jahrhundert

Donnerstag, März 24th, 2016

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Was ist charakteristisch für unser noch junges Jahrhundert? Und wie passt das mit Freimaurerei zusammen? In drei Beiträgen werfen wir einen Blick auf die Kapitulation vor der Komplexität, Digitalisierung und den Wandel der Arbeitswelt.

Heute Teil 2: Digitalisierung
Smartphones, Tablets und eine große Bandbreite in der Datenübertragung haben dazu geführt, dass viele Menschen heute permanent online sind. Die neuen Formen der Vernetzung bieten vielfältige individuelle und neue Möglichkeiten. Um beispielsweise mit anderen, die die gleichen Interessen teilen, in Kontakt zu sein und sich auszutauschen, muss man nicht mehr unbedingt das Haus verlassen.
Das führt u. U. zu einer Vereinzelung, der Mensch ist mit sich und seinem Gerät allein, statt mit anderen im persönlichen Gespräch. Ein Bild, das jeder kennt, sind die Restaurantbesucher, die gemeinsam am Tisch sitzen und jeweils alleine für sich in ihr Handy schauen.
Auch die Mediennutzung hat sich durch die Digitalisierung verändert. Das Fernsehen war bis vor wenigen Jahrzehnten noch Zentrum für kollektive Erlebnisse, “Straßenfeger” wurden die Sendungen genannt, vor denen sich die Mehrheit der Bevölkerung zeitgleich versammelte. Außer vielleicht bei Fußballgroßereignissen spielt das Fernsehen diese Rolle heute nicht mehr. Medien machen, also Informationen und Meinung veröffentlichen, kann technisch heute jeder. Ob jeder auch Gehör findet, ist eine andere Sache. Die Technik hat hier die Politik rasant überholt. Die Festlegungen in Rundfunkstaatsvertrag und Landesmediengesetzen bilden die Realität schlicht nicht mehr ab, die politischen Gestalter reagieren mit ständig neuen Novellen bestehender Regelungen nur noch.
Wie wirkt sich die Digitalisierung auf die Freimaurerei aus?
Für die Freimaurerei wirkt die Digitalisierung demokratisierend. Über das Internet können Interessierte Informationen zu Logen erhalten und Kontakt knüpfen, selbst wenn sie selbst keinen Freimaurer persönlich kennen. Das war früher viel schwieriger. Dem Ziel, vielen Frauen die Möglichkeit zur freimaurerischen Arbeit zu eröffnen, können wir so heute viel eher gerecht werden. Logen machen keine Werbung im herkömmlichen Sinne, sie wollen vielmehr gefunden werden und das ist heute leichter als jemals zuvor.
Bei unseren Treffen wiederum üben wir das aufmerksame Miteinander. Handys bleiben in der Tasche, der Alltag bleibt draußen. Gerade in einer Zeit permanenter Erreichbarkeit und Aufmerksamkeit ist dies für viele Schwestern eine Wohltat.
Die Digitalisierung ermöglicht uns zugleich neue Formen der Kommunikation. Als Beispiel möchte ich den Blog FrauMaurer erwähnen, ein Experiment, bei dem jede Schwester unseres Bundes Texte beitragen und veröffentlichen kann, in der Kür mit einer folgenden inhaltlichen Diskussion mit Leserinnen und Lesern in über die integrierte Kommentarfunktion.
Dieser Blog hat auch in anderer Hinsicht Charme. Freimaurerinnen fühlen sich der Freiheit, Toleranz, Humanität, Gleichheit und Freiheit verpflichtet - haben jedoch zu vielen Themen vollkommen unterschiedliche Meinungen. Es gibt nicht “die Haltung” zu politischen und gesellschaftlichen Sachverhalten, sofern sie über die genannten Grundprinzipien hinausgeht. Daher gibt es kaum Veröffentlichungen und Statements “der Freimaurerinnen”. Der Blog FrauMaurer wird auch an dieser Stelle der Vielfalt gerecht.

In Teil 3 wird es um den Wandel der Arbeitswelt gehen.

Nach den Attentaten von Paris: Freiheit, Humanität und Menschenwürde – jetzt erst recht!

Sonntag, November 15th, 2015


In Paris haben Terroristen am Abend des 13. November bei Attentaten an verschiedenen Orten der Stadt mehr als 128 Menschen getötet und mehr als 200 verletzt. Sie wüteten vor dem Fußballstadion, in einem Rockkonzert, in Restaurants – an Orten, an denen Menschen in ihrer Freizeit zusammenkommen, um sich zu erholen und zu erfreuen. So viele unschuldige Menschen haben ihre Leben verloren oder ihre Gesundheit, liegen jetzt im Krankenhaus, andere sind körperlich unversehrt geblieben, aber zutiefst geschockt. Ich – und sicher nicht nur ich allein – bin mir zwar bewusst, dass das alles nichts ist gegen das Grauen des Krieges, der zurzeit in Syrien tobt, doch ich bin entsetzt und tieftraurig über derartige Gewaltexzesse in Europa. Ich habe das Bedürfnis, den Opfern, ihren Angehörigen und Freunden, den Französinnen und Franzosen mein Beileid auszusprechen, und neben aller Trauer spüre ich auch Zorn. Auch damit bin ich sicher nicht allein.
Um so wichtiger ist, dass wir in diesen schweren Tagen gemeinsam für unsere europäischen Werte eintreten: für Freiheit und Humanität. Umso wichtiger ist, uns nicht von der gegenwärtig hochemotionalen Stimmung mitreißen zu lassen, die nicht mehr unterscheidet zwischen Verbrechern und Flüchtlingen, zwischen aufgeklärt-moderner und fundamentalistisch-fanatischer Religion und die der Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit Tür und Tor öffnet.
Die barbarischen Morde in Paris haben nicht die Flüchtlinge in Europa, die vor genau diesem Wahnsinn geflohen sind, begangen. Die Attentate wurden von Verbrechern und Verblendeten angezettelt, geplant und ausgeführt, von Menschen, die ich für schwer krank, für hochgradig psychisch gestört und kriminell halte und die gegen alles verstoßen, was mir heilig ist: Die Liebe, die Menschenwürde, die Humanität, die Freiheit, die Toleranz. Ihnen und denjenigen, die ihnen nacheifern, muss mit aller Härte Einhalt geboten werden; sie gehören schnellstmöglich hinter Schloss und Riegel. Wer aber jetzt triumphiert und die schändlichen Attentate als Vorwand für weitere Stimmungsmache gegen Wehrlose, Verfolgte und Verzweifelte missbraucht, verstößt auch gegen unsere gemeinsamen Werte. Die Morde in Paris dürfen nicht als Vorwand dienen, uns abzuwenden von den Pflichten, die uns unser Grundgesetzt in § 16 a auferlegt: Politisch Verfolge genießen Asylrecht. Die Mörder dürfen uns nicht dazu bringen, alle Menschen muslimischen Glaubens pauschal zu Feinden zu erklären, denn die extrem-fanatische Haltung des IS hat mit dem Glauben der überwiegenden Mehrzahl unserer muslimischen Mitbürger, Nachbarn und der Mehrzahl der muslimischen Flüchtlinge nichts gemein. Nicht Angst und Hass und Pauschalurteile sollen uns leiten und unsere Haltung und Weltsicht bestimmen, sondern das Streben nach Licht, Leben und Liebe, Wohlwollen und Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und die Suche nach möglichst menschenfreundlichen Strukturen. Kehret niemals der Not und dem Elend den Rücken – diese Aufforderung gilt besonders in schweren Zeiten. Ohne Not lässt sie sich als blutleere Formel und netter Spruch leicht dahinsagen. Nur in Krisenzeiten zeigt sich, ob wir diese Worte ernst nehmen und mit Leben füllen.

Sprücheklopfen gilt nicht: Gute Argumentation ist gefragt

Freitag, Oktober 2nd, 2015

Deutschland ist ein säkulares Land des Pluralismus und der Toleranz. Hier gilt ein ziemlich gutes Grundgesetz, in dem Frauen und Männer gleichberechtigt sind, die Würde des Menschen unantastbar ist und seine Rede- und Glaubensfreiheit garantiert wird. Wenn einige unserer Gäste das nicht wissen und nicht kennen oder nicht verstehen oder gar ablehnen, dürfen wir nicht müde werden, das immer wieder gut zu erklären: auf zugewandte, ruhige und unmissverständliche Weise, mit überzeugenden Argumenten und Begründungen. Vielleicht lernen wir dabei, unsere freiheitlichen und demokratischen Werte selbst wieder mehr zu schätzen, weil wir sie plötzlich beschreiben und erläutern müssen. Das ist eine Chance für uns: Zu etwas zu stehen, was uns selbstverständlich schien und dafür zu sorgen, dass andere, denen das (noch) fremd ist, es verstehen lernen. Sprücheklopfen, Fäusteballen und Schimpfen, Kopfschütteln und Sich-Abwenden hilft da nicht viel; es ist die eher sanfte Macht des Wortes und der positiven Haltung, die freundliche Macht der wohlwollenden, aber auch klaren Kommunikation, die liebevolle und nachsichtige Macht der Geduld, auch die weiche Macht der Wiederholung, die überzeugen kann. Ich bin zuversichtlich - trotz aller Schwierigkeiten und vielleicht auch trotz einiger, die sich als resistent dogmatisch erweisen werden, halte ich es für möglich, dieses große Zukunfts-Projekt zu meistern.

Freimaurerei ist keine Privatsache - warum auch die FGLD zur Flüchtlingtragödie Stellung bezieht

Donnerstag, September 17th, 2015

“Europa droht zu zerfallen” lautet die Überschrift eines aktuellen Tagesschau-Kommentars zur Flüchtlingskrise, in dem Karin Bensch warnt: “Europa wird zersplittern, (…) wenn die Mitgliedsländer es nicht (…) schaffen, den Flüchtlingsansturm zusammen in den Griff zu kriegen.”

Die Frauengroßloge von Deutschland hat sich einer internationalen “Erklärung zur Flüchtlingstragödie” angeschlossen, die bereits von zahlreichen Freimaurer-Großlogen unterzeichnet wurde.

In ihrer Erklärung appellieren die Großlogen an die europäischen Regierungen, “eine gemeinsame Politik zu verwirklichen, die für einen würdigen und menschlichen Empfang derjenigen Bevölkerungsgruppen sorgt, die sich in Not und Elend befinden.”

Freimaurer-Großlogen - darunter auch die Frauengroßloge von Deutschland (FGLD) - äußern sich “im Verbund” öffentlich zu einem politischen Thema und “bekennen Farbe”. “Gut so!”, könnte man/frau denken, “Schließlich sollten Mitglieder einer Gemeinschaft, die sich Werte wie ‘Toleranz’, ‘Solidarität’ und ‘Brüderlichkeit’ auf die Fahnen schreiben, auch öffentlich Stellung beziehen, wenn diese Werte auf dem Spiel stehen!”

Doch die Reaktionen unter uns Freimaurerinnen der FGLD sind keineswegs einhellig begeistert - einige Schwestern sind der Auffassung, der internationale Appell verstoße gegen eine freimaurerische Regel, derzufolge wir in unseren Logen nicht über Politik und Religion diskutieren und uns weder als Loge noch als Großloge öffentlich zu entsprechenden Themen äußern.

Woher kommt diese Überzeugung?

In den sogenannten “Alten Pflichten” von James Anderson aus dem Jahr 1723 heißt es: “[Es] dürfen keine persönlichen Sticheleien und Auseinandersetzungen und erst recht keine Streitgespräche über Religion, Nation oder Politik in die Logen getragen werden.” (VI.,2. siehe u.a.
http://www.pdf-archive.com/2012/08/05/alte-pflichten-der-freimaurer-1723/preview/page/5/)

Die “Alten Pflichten” werden vor allem von Brüdern, deren Logen sich an die Großloge von England binden, als “Grundgesetz der Freimaurerei” anerkannt. Für uns Freimaurerinnen der FGLD sind die “Alten Pflichten” nicht bindend im Sinne eines maurerischen “Grundgesetzes” - andernfalls dürfte es uns gar nicht geben, da der Text Frauen klar von der Freimaurerei ausschließt!

Wie sollen wir es also halten mit der Politik?

Vielleicht können die folgenden Sätze von Bruder Hans-Herrmann Höhmann ein Denkanstoß sein:

“Logen und Großlogen formulieren keine po­litischen Programme, nehmen nicht Teil an parteipolitischen Auseinandersetzungen und vertreten nicht die Interessen gesellschaftlicher Gruppierungen und Verbände.

Dennoch hat die Freimaurerei eine politi­sche Wirkung: (…) mit der Verpflichtung zur Menschlichkeit thematisiert sie ein Grundziel jeder Politik, gemäß ihres Bekenntnisses zur Toleranz hilft sie, die politische Kultur im Sinne einer ’streitbaren Gesprächsfähigkeit’ zu verbes­sern, und durch das Erörtern wichtiger Zeitfragen in den Logen trägt sie zur politischen Urteilsbil­dung ihrer Mitglieder bei.”
(http://www.afuamvd.de/informationen/)

Jede Freimaurerin und jeder Freimaurer entscheidet eigenverantwortlich, wie er/sie die freimaurerischen Ideen und Werte in die Tat umzusetzt - gleichzeitig ist Freimaurerei keine Privatsache, weil sie uns auffordert, in der Welt (und damit öffentlich) einzutreten für Menschlichkeit, Toleranz, Solidarität und Brüderlichkeit.

In der aktuellen Flüchtlingskrise gibt es keine einfachen Antworten und fertigen Lösungen. Es wäre dennoch falsch, aus Angst vor “Vereinfachung” zu schweigen!

Lasst uns in den Logen üben, wichtige Zeitfragen jenseits von Rechthaberei, Starrsinn und Polemik offen, fair und auf Augenhöhe zu erörtern - und lasst und diese im Miteinander erworbene “streibare Gesprächsfähigkeit” einbringen in die öffentliche Diskussionen nicht nur aber gerade auch zur aktuellen Flüchtlingsthematik!

Auf Spiegel-Online schreibt Markus Becker unter der Überschrift “Europa in der Sinnkrise“:
“Wenn man dem Flüchtlingsdrama überhaupt etwas Positives abgewinnen will, dann vielleicht dieses: Es zwingt die Europäer, über sich selbst, über ihr Verhältnis zueinander und ihr Verhältnis zum Rest der Welt nachzudenken. Und wenn alles gutgeht, kommt am Ende eine EU dabei heraus, die Menschen aus guten Gründen anzieht und daraus ihre Stärke bezieht.”

In diesem Sinne: Nutzen wir die aktuelle Krise, um als Freimaurerinnen über uns selbst, unser Verhältnis zueinander und unser Verhältnis zur Welt (d.h. auch zur Öffentlichkeit) nachzudenken und zu diskutieren!

Wenn alles gut geht, kommt am Ende eine Freimaurerei dabei heraus, die Menschen aus guten Gründen anzieht und daraus ihre Stärke bezieht!

Gegen alle Trennungen und für eine Begegnung von bloßen Menschen

Dienstag, Mai 12th, 2015

Was uns verbindet, trennt uns zugleich von anderen. Lessing lässt Ernst und Falk in ihrem zweiten freimaurerischen Gespräch zu dieser Erkenntnis kommen. So lebten auch in der besten Staatsverfassung der Welt nicht alle Menschen in demselben Staat, denn der wäre zu groß und damit unregierbar. Sie blieben demnach verschiedener Nationalitäten. Und die bürgerliche Gesellschaft setze ihre Trennungen in jedem ihrer Teile bis ins unendliche fort. Lessing bietet die Freimaurerei gleichsam als Lösung an. Es habe zu allen Zeiten Menschen gegeben, die willens und in der Lage waren, diese Trennungen mit Toleranz zu überwinden. Doch lebten sie in einer unwirksamen Zerstreuung und wüssten nichts voneinander. Die Logen wären damit sichtbare und aufsuchbare Zusammenschlüsse von Menschen, die die Trennungen, durch die sie einander fremd werden, überwinden wollen. 
Lessing verfasste seinen Ernst und Falk in den 1770er Jahren. Die Menschen hatten die Relogionskriege hinter sich, die Nationalkonflikte und Klassenkämpfe noch vor sich. 
Die Gesellschaft hat sich inzwischen stark verändert, doch das Grundprinzip der Trennung ist nach wie vor gültig. Durch die vielfältigen Wahlmöglichkeiten in der postmodernen Gesellschaft leben wir heute in einer Welt mit vermutlich noch deutlich mehr Trennungen. Zugleich bieten elektronische Medien neue und schnelle Möglichkeiten, Gleichgesinnte zu finden. Auch die Logen werden heute von interessieren Frauen häufig zuerst über das Internet gefunden und kontaktiert. Mir erscheint es auch heute noch ein starkes und wichtiges Motiv, in Toleranz Trennungen überwinden zu wollen und mit sehr verschiedenen Menschen in Kontakt zu kommen. Logen können so einen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten. Und doch mutet die Idee allein nicht mehr so revolutionär an, wie vielleicht vor 250 Jahren. Mir stellt sich sofort eine zusätzliche Frage: und dann? Wie gelingt es denen, die sich gefunden haben, sich spürbar für Toleranz, Freiheit und Humanität einzusetzen? Darauf muss es jeweils eine Antwort geben.

(Dieser Beitrag und weitere bieten Antworten auf die Frage “warum Freimaurerei im 21. Jahrhundert”. Eine Übersicht erhalten Sie mit dem Schlagwort ‘21. Jhd.’)

[Foto: Karl-Heinz Laube, Pixelio]

Was hat mir die Freimaurerei „gebracht“? Ein persönlicher Rückblick

Freitag, Februar 27th, 2015

Was hat mir die Freimaurerei gebracht?

Wenn ich auf die vergangenen Jahre zurückblicke, kann ich aus vollem Herzen sagen: Ich bin glücklich darüber, dass ich mich entschieden habe, Freimaurerin zu werden. Die Arbeit mit Symbolen, das Philosophieren über grundlegende ethische Fragen, die rituellen Zusammenkünfte, die Auseinandersetzung mit Sichtweisen, die mir bis dahin fremd waren, haben im Laufe der Zeit mein Leben verändert. Ich habe gelernt, wie ich in verschiedenen Situationen “ticke” und was daran ausbaufähig oder veränderungswürdig ist. Ich habe gelernt und lerne immer wieder und immer noch, dass meine ganz persönliche Sicht nicht gleich der Weisheit letzter Schluss ist. Ich habe erlebt, dass es möglich ist, mit unterschiedlichen Menschen, die völlig verschiedene Erfahrungen, Fähigkeiten und Wissensschätze mitbringen, konstruktiv zusammen zu arbeiten. Ich habe gelernt, gemeinsam mit meinen Schwestern, Regeln und Strukturen zu schaffen, mit ihnen und an ihnen zu wachsen und sie gemäß den immer wieder neuen Anforderungen auch moderat zu verändern. Ich habe gelernt, meine Grenzen anders zu ziehen - sie sind bei manchen Themen sehr viel weiter, bei anderen durchaus auch enger geworden. (Ich gestehe anderen viel mehr Individualität und Anderssein zu als früher, aber ich gehe sorgfältiger mit meiner Zeit um und verschwende sie nicht mehr für etwas, was ich im Grunde gar nicht will.) Ich erlebe die Loge als einen Schutzraum und als Experimentierfeld, als Arbeits- und Übungsstätte und als Erholungsort, als intellektuelle und emotionale Bereicherung und Herausforderung, als Trainingsort für Toleranz und Redlichkeit, für Mitmenschlichkeit und geistige Klarheit, für Tradition und Fortschritt. Ich will das alles in meinem Leben nicht mehr missen. Und das besonders Schöne ist: All die “Einsichten”, die ich gewonnen habe, hat mir keiner eingetrichert, hat mich niemand schulmeisterlich gelehrt. Die Veränderungen in Verhalten und Lebensstil, Denkungsart und Haltung, zu denen ich mich entschlossen und die ich geübt und ausgebaut habe, hat mir niemand als Gebot oder Pflicht auferlegt. Ich habe sie mir in der Gemeinschaft mit anderen, im aktiven, wertschätzenden und auch reibungsvollen Miteinander ganz allmählich und ganz in meinem Tempo erschließen können. Dafür bin ich mehr als dankbar. Auch heute, 16 Jahre nach meiner Aufnahme, habe ich noch so viel zu tun, so viel Neues zu entdecken, so viel dazu zu lernen. Das hält mich auf wunderbar spannende und anregende Weise wach und lebendig.

Menschenliebe? Humanität? Für mehr Zusammenhalt 2015!

Mittwoch, Januar 21st, 2015

Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu belassen und zu hoffen, dass sich etwas ändert. (Albert Einstein)

Schon vor den Anschlägen von Paris habe ich intensiv über den Begriff des „Zusammenhalts“ nachgedacht. Er begegnete mir um den Jahreswechsel in einer Reihe von Ansprachen und Texten, auch in Berichten über „Pegida“. 
Zusammenhalt erscheint mir tatsächlich als ein Schlüsselwort für dieses Jahr: Der Zusammenhalt der vielen unterschiedlichen Menschen in unserem Land in Liebe und gegenseitigem Wohlwollen - den anderen zu- und nicht abgewandt, durch echtes Miteinander und nicht durch gemeinsame Feindbilder geleitet. Die aktuelle Bertelsmannstudie “Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt” gibt aufschlussreiche Einblicke in Zusammenhänge (vielleicht an dieser Stelle demnächst separat ein Thema). Der Zusammenhalt ist eine Kraft. Er ist nicht von alleine da, sondern entsteht durch die täglichen Bemühungen vieler einzelner Menschen. Freimaurerinnen fühlen sich Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit bzw. Schwesterlichkeit und Toleranz verpflichtet. Wenn ich mich tatsächlich aktiv für die freimaurerischen Werte einsetze, dann fördere ich unweigerlich den Zusammenhalt in meinen sozialen Kontexten. Das Schlüsselwort an dieser Stelle lautet aktiv! Die Solidaritätsbekundungen in den sozialen Medien nach den Anschlägen von Paris sind ein wichtiges und gutes Signal, doch reicht diese symbolische Handlung allein nicht aus. Freimaurerin sein bedeutet eben nicht, lediglich etwas als richtig zu erkennen, sondern es bedeutet, diese Erkenntnis in das aktive Leben zu übertragen. Es geht gerade nicht um die ewige Innenschau und das andauernde Beschäftigen mit theoretischen Inhalten! Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, wenn das Bemühen um ein besseres Miteinander im Umfeld der einzelnen Freimaurerinnen gar nicht spürbar wäre, wäre die Freimaurerei verzichtbar.
Der Lehrling lernt, seine Möglichkeiten zu erforschen. Die Gesellin nimmt sich selbst als Mitglied der Gemeinschaft wahr und die Meisterin erkennt die Notwendigkeit der eigenen aktiven Lebensgestaltung und -haltung. Letztlich entscheidet das eigene Verhalten darüber, ob wir zeitlebens Freimaurerinnen sind oder nur heißen. Wenn ich also Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Toleranz ernst nehme, dann werde ich aktiv die Stimme erheben, wo es nötig ist. Ich werde mich umschauen, wo es mir in meiner Umgebung möglich ist, einen aktiven Beitrag zu leisten und ich werde Möglichkeiten finden, durch eigene Beiträge die Not um uns, gleich in welcher Form sie sich zeigt, zu lindern. Ich bleibe nicht gleichgültig. Ein Leitgedanke kann dabei sein: Wie kann ich den Zusammenhalt fördern? Ich wünsche mir, dass möglichst viele Menschen in diesem Jahr, Freimaurer oder (noch) nicht, in dieser Form dazu beitragen, dass unsere Welt ein bisschen besser, ein bisschen wärmer und ein wenig heller wird. 

Je suis Charlie! Ich zeige Handschuh!

Montag, Januar 12th, 2015

Ich bin geschockt. Ich bin wütend. Ich bin traurig. Ich bin besorgt. Ich habe Angst. Ein Wechselbad der Gefühle angesichts der Gräueltaten in Frankreich, die sich auch in den öffentlichen Diskussionen und Reaktionen, in Polit-Debatten, Reden und Kommentaren und in sogenannten social groups im Internet widerspiegeln.
Die Auseinandersetzungen, die jetzt geführt werden, waren vorhersehbar. Haben diese Bluttaten nichts mit dem Islam zu tun? Oder doch? Sollten sich muslimische Verbände äußern und distanzieren? Christen haben sich ja auch vom Attentat Breiviks nicht distanziert. Sind beide Verbrechen überhaupt vergleichbar? Hat „Pegida“ recht behalten oder instrumentalisiert diese Bewegung nun die Ereignisse, so wie die Rechte in Frankreich es versucht? Wer schlägt daraus politisches Kapital? Brauchen wir in Deutschland mehr Polizei, mehr Bundeswehr, mehr Vorratsdatenspeicherung? Es soll in Frankreich auch Angriffe auf Moscheen gegeben haben. Ist das schon die Gegen-Gewalt von christlicher oder jüdischer Seite? Was und wer steckt hinter dem Brandanschlag auf die Hamburger Morgenpost? Die Lage ist verunsichernd unübersichtlich. Was können wir tun- als Menschen, als Bürger, als Freimaurerinnen?
Ja, ich habe Angst. Ja, ich spüre Zorn und Wut. Etwas anderes zu behaupten, wäre eine glatte Lüge. Was mir aber zeitgleich bewusst wird: Angst ist in diesem Zusammenhang ein ganz schlechter Berater. Wut auch. Angst und Wut führen immer direkt zu weiteren Gewalt-Eskalationen, zu Kurzschlüssen, zu Überreaktionen. Oder – im anderen Extrem - zu Feigheit, Duckmäusertum, faulen Kompromissen und falscher Rücksichtnahme. Wenn ich die Fäuste balle und wütende Kampfansagen brülle, kann der Terror gewinnen. Wenn ich den Kopf einziehe, mich verstecke und nichts sage, kann der Terror gewinnen.
Deshalb finde ich es richtig und wichtig, dass auch Freimaurer und Freimaurinnen sich in diesen Zeiten zu Wort melden, dass sie Farbe bekennen.
Zum Beispiel mit Pressemitteilungen und Statements auf den Homepages der Großlogen, die weder dogmatisch noch parteipolitisch, weder einseitig noch entzweiend sind. Die Texte drücken sehr gut aus, was Grundkonsens des gesamten Bundes ist: Toleranz, Humanität und Liebe – im Zusammenhang mit dem Auftrag: „Wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt.“
Zum Beispiel in der öffentlichen facebook-Gruppe „Charlie lebt! - Wir zeigen Handschuh! Für Verbundenheit in Vielfalt“. Hier können Initiierte, Interessierte, Suchende, Freunde, Angehörige – kurzum: alle, die möchten - Selfies mit weißen oder bunten Handschuhen posten, als Absage an Gewalt und Gegengewalt, Hass und Feinbilder.
Ja, ich habe Angst. Auch ich könnte ja zur Zielscheibe werden, wenn ich Gesicht zeige. Aber ich gebe der Angst keine Macht über mich. Je suis Charlie! Ich zeige Handschuh!