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Auf gleicher Ebene – Gedanken über die Winkelwaage

Donnerstag, April 2nd, 2015

Winkelwaage
Die Winkelwaage stellt ein Dreieck mit rechtem Winkel und genau dort angebrachtem Lot dar. Wird die Winkelwaage horizontal ausgerichtet, so teilt das Lot das Dreieck in zwei gleichgroße Dreiecke, wiederum mit rechtem Winkel. Ohne die Beachtung dieser elementaren Grundlagen wird kein Bau gelingen, weder ein profaner Hausbau noch der Tempelbau der Freimaurer. 
Symbolisch stellt die Winkelwaage das Verhältnis der Freimaurer zueinander dar. Mit der Winkelwaage prüft die Freimaurerin ihren Winkel zu anderen. Ziel ist, anderen Menschen auf der Horizontalen, 2-dimensional gesprochen auf gleicher Ebene, d.h. auf Augenhöhe zu begegnen. Die Winkelwaage steht für die Gleichheit, das Gleichgewicht aller Dinge, die gleiche Würdigung aller, dafür, dass alle Vorrechte wie Geburt, Stand, Besitz sich dem reinen Menschentum unterordnen. Ziel ist, dem Menschen als Mensch zu begegnen, unabhängig von Stand, Alter, Herkunft, sozialem Status oder weiteren Unterscheidungsmerkmalen.
Aber was heißt es denn nun in der Praxis, sich auf gleicher Ebene zu begegnen? Was muss ich dafür tun, dass dies stattfindet?
Wie alles in der Freimaurerei passiert das ja nicht von selbst, sondern will erarbeitet sein. Am ehesten ist die gleiche Ebene zu erreichen, wenn sich alle Beteiligten darüber klar sind, dass jede Einzelne etwas dazu tun muss und die Austarierung der Waage nur im Miteinander der Schwestern funktioniert.
Ich muss bereit sein, mich zurückzunehmen, mein Gegenüber als gleichwertig und ihr Anliegen, ihre Äußerungen als gleich wichtig anzunehmen. Meine Schwester in erster Linie als anderen Menschen anzusehen, gelingt nur, wenn ich vorschnelle Bewertungen unterlasse. Auf derselben Ebene, auf Augenhöhe, ist kein Argument mehr wert oder wichtiger als ein anderes, niemand sieht auf den anderen hinunter, aber - und das ist genauso wichtig - auch niemand zu jemandem hinauf. Das heißt, profane Dinge wie z. B. die Position oder Stellung spielen keine Rolle. Ob jemand Lehrling oder Meisterin ist, alt oder jung, reich oder arm, ist unerheblich. 
Und wenn man keine gemeinsame Ebene hat? Dann sollte die Bereitschaft bestehen, sich zu bewegen, jeweils einen Schritt auf den anderen zuzugehen. Wenn wir begreifen, wo wir stehen, wie wir uns benehmen, wie wir wirken, können wir auf die gleiche Ebene hinarbeiten.
Aber was passiert, welche Folgen hat es, wenn die Winkelwaage nicht beachtet wird? Wenn sich die Schwestern nicht auf gleicher Ebene begegnen? Wie kann es dazu kommen? Wann ist es denn soweit? Wie bemerke ich das? Ist das wirklich so schlimm? Was kann ich dagegen tun? Das sind Fragen, die sich jede von uns stellen sollte, denn es ist wichtig, sich der Tragweite bewusst zu werden, die eine Missachtung der Winkelwaage haben kann, ja, ich fürchte, zwangsläufig haben muss. 
Ich glaube, die Folgen kommen schleichend, bauen sich auf und können zerstörend auf die Loge wirken. Hierarchien bilden sich aus, bleiben lange unerkannt und schleifen sich ein. Herablassender Umgang oder - in die andere Richtung - ein Umgang in geduckter, erwartender Haltung werden als normal empfunden.
Wenn sich Schwestern nicht auf gleicher Ebene bewegen, ist der Bau nicht stabil, nicht standfest, der rechte Winkel ist gar keiner. Trifft das Lot nicht mittig auf die Waagerechte, gibt es auch keinen rechten Winkel.
Wie sollen sich denn die Steine der einzelnen Schwestern in den Tempel einpassen können, wenn der nicht in der Waage steht? Das Gefühl, nicht „reinzupassen“ ist dann vielleicht dieser nicht waagerechten, leicht abschüssigen Basis geschuldet.
Für mich gehören daher auch Mut und Vertrauen zum Symbol der Winkelwaage. Es gehört Mut dazu, Dinge anzusprechen, die vielleicht aus der Waage geraten sind, die im schwesterlichen Dialog aber wieder in die Waage gebracht werden können. Und nur im Vertrauen darauf, dass Schwestern mit entsprechenden Äußerungen freimaurerisch umgehen, werden sie auch benannt.
 

Nur die Meisterin kann dienen

Freitag, Mai 30th, 2014

Dieser Satz stammt von einer Schwester meiner Loge. Gehört habe ich ihn erstmals bei einer Diskussion zu einem Vortrag, dessen Thema mir längst entfallen ist. Den Satz aber habe ich behalten. 15 Jahre dürfte das her sein. Betrachten wir die “Meisterschaft” als einen Zustand vollkommener Einweihung, so folgt daraus: die Meisterin verfügt über das komplette Wissen, das in ihrer Kunst oder ihrem Handwerk verfügbar ist. Durch Anwendung, Übung und Weiterentwicklung ihres Wissens kann sie, wenn sie es recht versteht, meisterliche Werke schaffen. Was bedeutet das für die Meister-Freimaurerin? Sie sollte sowohl erkennen, was jeweils notwendig ist zu tun und zu sagen, als auch beispielsweise erkennen, wo es der Sache dient, die eigene Person zurückzustellen. Hier ist es wieder, das Dienen. Auch wenn sie weiß, dass sie im Recht ist - muss sie andere darüber aufklären? Nein, jedenfalls nicht immer. Wenn andere Sachverhalte verzerrt darstellen, um sich selbst und ihre eigenen Versäumnisse in ein günstigeres Licht zu stellen, muss sie das unbedingt richtigstellen? Nein, sie kann es auch stehenlassen, je nach Situation. Als Meisterin hat sie erkannt, was wirklich wichtig ist und was nicht. Sie kann Wesentliches von Unwesentlichem unterscheiden. Die Meisterin weiß, dass ihr Platz überall in der Loge ist, überall, wo sie gebraucht wird. Sie ist sich nicht zu schade für das, was getan werden muss, damit der Bau gefördert wird und erledigt es aus eigenem Antrieb und innerer Einsicht - nicht auf Kommando anderer, vermeintlich erfahrenerer Maurer. Nur die Meisterin kann dienen. Ein wahrhaft weiser Satz. 

Der Salomonische Tempel in 313 Wörtern

Freitag, April 11th, 2014

Ich wünsche mir, dass möglichst viel von dem, was in der Freimaurerei relevant ist, in diesem Blog vorkommt. Und so versuche ich, was unmöglich erscheint: einen kurzen Beitrag über den Salomonischen Tempel. Es ist der Sinn, vielmehr Ziel der freimaurerischen Arbeit, den Tempel der Menschlichkeit zu bauen. Als Symbol dafür dient der Salomonische Tempel. Ein überaus bedeutendes Symbol also. Ein Symbol ist bildhaft und steht in der Freimaurerei zumeist für abstrakte, komplexe Ideen. Der salomonische Tempel soll vor ca. 3000 Jahren erbaut worden sein und ist das erste detailliert beschriebene herausragende Gebäude, das von Menschen errichtet wurde. Die Weiterentwicklung der Idee eines Tempelbaus durch menschliche Bausteine stammt bereits aus der Bibel. Wir Freimaurerinnen bezeichnen heute den salomonischen Tempel als Symbol für den Tempel der Humanität, an dem wir als Freimaurerinnen arbeiten. Dieser Bau ist etwas ungeheuer Großes, Herausragendes und Bedeutendes, ja etwas Einzigartiges, so wie es der salomonische Tempel zu seiner Zeit war. Das Vorhaben ist so groß, dass es wohl kaum jemals beendet werden kann. Doch darf die Größe nicht abschrecken, nicht mutlos machen und uns nicht vom Bau abhalten. Jede einzelne ist aufgerufen, „ihren Stein“ zu bearbeiten, sich selbst zu veredeln, bis sie sich harmonisch in den Tempelbau der Humanität einfügt. Hier wird deutlich, wie schmal der Grat zwischen Deutung und Missverstehen ist: Wer den Tempelbau nicht symbolisch versteht, sondern ernsthaft meint, Freimaurer wollten den salomonischen Tempel als Bauwerk neu errichten, ist von Verschwörungstheorien, Geheimwissen, geheimen Plänen etc. nicht weit entfernt. Und auch nah an dem Stoff, aus dem beispielsweise Dan Brown seine Bestseller strickt. Wer eine historische Wahrheit finden will, der sucht vergeblich. Die, die in der Lage ist, symbolische Weisheiten zu entschlüsseln, kann den für sich selbst zutreffenden Sinn herauslesen. Und hier endet mein Gedankenanstoß. Entmutigen ließ ich mich nicht, darum geht es. Fortsetzung folgt – vielleicht hier, vielleicht in Gesprächen an anderer Stelle…

Vorbildlich

Dienstag, Februar 11th, 2014

Kürzlich, bei einem Treffen von Freimaurerinnen aus ganz Deutschland, war da dieser Gedanke: was für tolle Frauen das sind, die ich “Schwestern” nennen darf! 
Hier sind sie! Das ist meine Antwort auf die Frage, wo frau eigentlich heute Vorbilder findet. Als Freimaurerin arbeite ich an mir selbst, um mich zu vervollkommnen, um ein besserer Mensch zu werden und ein verlässliches Mitglied in der menschlichen Gesellschaft. 
Wie weit bin ich mit meiner Arbeit schon gekommen? Tja, bei der Beantwortung dieser Frage tut ein Maßstab gut. Objektivierung heißt das Zauberwort, um bloß nicht selbstgefällig zu werden. Was kann es für einen besseren Maßstab geben als andere, die mir als positive Role-Models zeigen, wie viel ich selbst noch zu arbeiten habe, bis aus meinem rauen Stein ein sorgfältig behauener geworden ist, der sich harmonisch in den Tempelbau der Menschheit einfügen lässt!
Ich bin dankbar für all die positiven Vorbilder, die mir Leitschnur sind und Richtung geben. Ihr seid mir Vorbild, meine Schwestern, und gebt mir Ansporn für meine Entwicklung. Wenn ich Glück habe, dann werde ich selbst ein Vorbild sein können für andere. 
Also: Nicht meckern, nicht zufrieden zurück lehnen, sondern sich anspornen lassen in den eigenen Bemühungen, sich an denen orientieren, die uns Vorbild sein können! Das nenne ich vorbildlich praktische Maurerei.

Gute Vorsätze

Dienstag, Januar 28th, 2014

Heute stolperte ich über eine Meldung des Lokalradios: Mit viel Bohei wurden die guten Vorsätze 2014 zu Grabe getragen. Auf Facebook begleitete eine als Traueranzeige gestaltete Nachricht das ‘allzu zeitige Dahinscheiden’ und in einer Vielzahl von Kommentaren gab es reichlich Beifall.
Ich bin erstaunt. Wenn es nicht nur Geplapper ist, was hier geschrieben wird: warum nehmen sich die Menschen selbst so wenig ernst, dass sie gefasste Entschlüsse schon binnen des ersten Monats lachend über Bord werfen? Es scheint ein liebgewordenes Ritual, sich dem eigenen Schweinehund zu ergeben.
Sollten wir nicht vielmehr unser Scheitern zum Anlass nehmen, über das WARUM nachzudenken? War das Vorhaben falsch formuliert? Will ich die Veränderung, das Ergebnis meines Vorhabens, überhaupt? Habe ich den richtigen Weg zu meinem Ziel eingeschlagen? Oder habe ich mir gar zu viel vorgenommen?
Als Freimaurerin habe ich mir die Arbeit an mir selbst zur ständigen Aufgabe gemacht. Ich bemühe mich, meine Fehler und schlechten Angewohnheiten wahrzunehmen und abzulegen und mich so weiter zu entwickeln, dass sich mein Stein symbolisch harmonisch in den Tempelbau der Menschheit einfügen lässt. Nix für Ungut, Freimaurer sind keine Spaßbremsen. Und doch wünsche ich mir ein bisschen mehr Ernsthaftigkeit, Mut und Konsequenz. Auch für meine eigenen Vorsätze.

Mein Stein

Sonntag, Januar 5th, 2014

Kürzlich bin ich beruflich umgezogen. Keine große Sache, keine neue Aufgabe, ich arbeite einfach ein paar Räume weiter. Dennoch verschwanden für den Umzug meine gesamten Habseligkeiten in Kisten. Heute habe ich, nach Wochen, die letzte Kiste ausgepackt. Ganz unten fand ich einen kubischen Stein, den ich vor vielen Jahren von einer anderen Freimaurerin geschenkt bekam und der seitdem normalerweise mitten auf meinen Schreibtisch steht.
Der Stein hat für mich als Freimaurerin symbolische Bedeutung. Durch Arbeit an mir selbst verwandle ich im übertragenen Sinne den rauen unbehauenen Stein in einen kubischen, der sich dann harmonisch in den Tempelbau der Menschheit einfügen lässt.
In meinem Arbeitsalltag erinnert er mich immer wieder daran, dass ich mich selbst verändern und weiterentwickeln möchte. Es ist nicht mein Auftrag, bei anderen ähnliches zu tun. Wenn mal etwas nicht ganz rund läuft, was in meinem Arbeitsumfeld durchaus vorkommt, erinnert mich ein Blick auf den kubischen Stein daran zu prüfen, ob ich selbst etwas beitragen kann, die Angelegenheit zu klären oder eine Wiederholung zu vermeiden. Der Blick auf den Stein bewahrt mich davor, der Versuchung nachzugeben, die Fehler und Versäumnisse zuerst bei anderen zu suchen. Ich finde, damit fahre ich sehr gut. Jetzt steht der kubische Stein wieder auf meinem Schreibtisch, an ganz zentraler Stelle, mitten in meinem Blickfeld zwischen Computerbildschirm, Tastatur, Telefon und Unterlagen. Ich habe ihn vermisst!