Posts Tagged ‘Stein’

Vollkommenheit - eine Sicht von 1644

Sonntag, Oktober 19th, 2014

“Wenn die einzelnen Steine zusammengelegt werden, dann fügen sie sich nicht kontinuierlich aneinander, sondern stoßen aufeinander. Nicht alle Teile dieses Doms haben dieselbe Form, im Gegenteil besteht die Vollkommenheit darin, dass aus vielen moderaten Variationen und brüderlichen Unähnlichkeiten, sofern sie nicht grob aus der Proportion geraten, eine angenehme und anziehende Symmetrie entsteht, die das ganze Gebäude auszeichnet.”

Dieses Bild gefällt mir ausnehmend gut. Es stammt von John Milton (1608 - 1674), Dichter, politischer Denker und Staatsbediensteter. Die Themen des frühen Aufklärers waren persönliche Schuld, Freiheit und Selbstbestimmung. Der zitierte Text ist ein Ausschnitt aus einer Rede vor dem englischen Parlament im Jahr 1644.

Quelle:
Milton, John, zit. in: Assmann, Aleida “Reinheit, Erwählung, Fortschritt - John Miltons Verzeitlichung der Vollkommenheit” in: Assmann, Aleida, Assmann, Jan; (Hrsg.): Vollkommenheit, Wilhelm Fink Verlag, München 2010, ISBN 9783770548132), S. 254

Freimaurerei lebt nicht in Büchern

Donnerstag, Juni 19th, 2014

Freimaurerei lebt zuerst in den Mitgliedern der einzelnen Logen, nicht in Büchern und Schriften. Freimaurerisches Wissen über Wesen, Geschichte, Symbolik ist vermittelbar und vermittelnswert. Es ist ein Mittel zum Zweck. Der Zweck, der Sinn, das Ziel von Freimaurerei: gelingendes Menschsein als Individuum innerhalb der menschlichen (nicht der männlichen oder weiblichen) Gemeinschaft; freimaurerisch symbolisch ausgedrückt: der Stein und das Gebäude.

Freimaurerei und die vier Jahreszeiten

Montag, Mai 19th, 2014

Die Menschwerdung startet im Lebensfrühling. Hier schon beginnt die eigentliche Arbeit am rauen Stein. Ein mühsamer Weg, über viele kleine Stufen hinauf…und manchmal auch hinab. Der junge Abenteurer reift von Stufe zu Stufe, es gilt Maß zu finden und Maß zu nehmen. Was macht den guten Menschen aus? Wir zögern, uns die Frage zu beantworten, könnte sie doch Überheblichkeit und Stolz verraten. Leichter fällt die Antwort bei der Umkehrung: Was soll ich vermeiden, anderen Schaden zuzufügen? Lass‘ anderen ihre Würde, auch, wenn sie recht einfacher Natur sind. Bleib‘ bei deiner Wahrheit, ohne zu verletzen. Verbreite Frieden, schlichte. Und sei freundlich, ohne zu heucheln… Mach es der Natur nach: Schenk‘ dem April deine Sehnsucht und dem Mai deine Wärme. Spende dem Juni dein Hoffen und dem Juli Erfüllung. Den August bedenke mit Dank, und den Frühherbstmonat September mit Demut! Alles wird dir zurückgegeben in Fülle und Überfülle. Freudig begrüßt der Meister in seiner Bauhütte den Herbst und betrachtet sein Werk: der raue Stein zeigt sich merklich bearbeitet. Einige scharfe Kanten wollen noch geglättet werden. Ein mühsames Geschäft…an sich selbst. Der Baumeister mag nicht ganz zufrieden sein mit sich, dazu ist er zu ehrlich. Doch durchstrahlt die Oktobersonne das prächtige Kathedralenfenster seines Domes. Dann kommt der Winter des Lebens, doch das Werk harrt noch der Vollendung. Mit Selbstanklage und Trauer sieht er den unfertigen Stein. Aber vielleicht darf er auch sagen: „Ich habe Wesentliches geleistet, ich habe mich bemüht, zwar ist es nie genug!“ Der Winter ist nicht nur Abschied, sondern auch Voraussetzung für einen Neubeginn, für einen Start in freies blühendes Leben. Der alte Meister legt gern sein Wissen und Können in die Hände der jungen Weggefährten. Nur die Eitelkeit darf uns nie besiegen. Das sollte die Freimaurerin auszeichnen.

Warum mir das Ritual so wichtig ist

Freitag, Mai 2nd, 2014

Für manche Außenstehende mag es merkwürdig erscheinen: Das Ritual, das wir auch Tempelarbeit nennen, hat in der Freimaurerei einen sehr hohen Stellenwert. Der so genannte “Tempel” ist keine Kirche, keine religiöse Kultstätte, sondern ein geschützter, abgeschlossener Raum im Sinne des lateinischen Begriffs templum. Wir schaffen uns diesen geschützten Raum selbst, bauen ihn gemeinsam auf und erzeugen auf diese Art eine Atmosphäre, die sich deutlich von der Alltagswelt abhebt. Das Ritual dient der Vertiefung unserer freimaurerischer Werte (wie Menschenliebe, Toleranz, Gradlinigkeit, Respekt vor dem jeweils anderen u.a.m.) in ganzheitlicher Weise, also nicht nur auf intellektueller, sondern auch auf emotionaler Basis und auf der Handlungsebene, denn im Ritual handeln wir gemeinsam. Insofern stellt das Ritual auf eine symbolische Weise die freimaurerische Arbeit dar und dient z.B. der Erinnerung an unsere Werte, der Festigung, der Selbstvergewisserung - und das gemeinsam mit den anderen Schwestern in einer strukturierten, klar definierten Form. Gleichzeitig wirkt das Ritual (-wie alle Gruppenrituale-) gemeinschaftsstiftend und -fördernd und ermöglicht uns auf eine besondere Weise, uns als zugehörig und eingebunden zu erfahren. Die Arbeit am rauen Stein aber findet immer und überall statt - im Ritual, in der Loge (die ja auch andere Veranstaltungen hat), im eigenen Alltag… Eine gelungen Ritual-Performance ist etwas ganz Wunderbares. Ich erlebe das Ritual dann als eine Art Quelle für innere Kraft, die mich trägt und stärkt, als einen Ort der Selbstbesinnung - und manchmal auch der ganz großen Gefühle. Freude, jähes Aufblitzen von Erkenntnis -manchmal bei einem Satz, den ich eigentlich schon hundertmal gehört habe- , Betroffenheit, Anstöße zum weiteren Nachdenken. Das alles hätte ich mir, auch als ernsthafte Suchende, vorher nicht träumen lassen. Und es hat durchaus ein Weilchen gedauert, bis sich diese Art des Erlebens entfaltet hat, denn ganz am Anfang war mir alles viel zu neu, da konnte ich die vielen Dimensionen und Ebenen des Rituals nicht wirklich erfassen, das stellte sich erst allmählich ein, mit der entsprechenden Ritualpraxis und -erfahrung in Kombination mit Hintergrundwissen. Ich bin schon sehr lange Freimaurerin und kann auch heute noch sagen: Die Vertiefung dieses Erlebens hört nicht auf, wenn jemand wirklich freimaurerisch “arbeitet” und nicht bloß körperlich anwesend ist.

Symbole

Donnerstag, April 24th, 2014

Die Sache selbst ist nicht, wie die Sache erscheint.
So haben Symbole für mich eine wunderbare Magie, nicht nur als Freimaurerin.
Schon in der Antike gab es den Brauch, eine Tafel aus Ton zu teilen und als Erkennungszeichen zu einem Treffen zusammenzusetzen.
Ein Zeichen, ein Griff, ein Sinnbild oder Begriff und Gegenstände können als Symbole genutzt und verstanden werden. In der Freimaurerei sind das z. B. der Salomonische Tempel, der raue Stein, der Spiegel, die Winkelwaage oder Sonne und Sterne. Die Herkunft ist verschieden. Die Naturwissenschaften, das Bauhandwerk, die Religion oder alltägliche Gegenstände wie der Spiegel, erfahren eine eigene Sinngebung im jeweiligen Kontext. Trotzdem wohnen der Bedeutung all dieser Symbole auch eine gemeinsame Schnittmenge inne, die die Mehrheit der Betrachter nachvollziehen kann. Ein Symbol verbindet Menschen und auch die möglichen Pole der Betrachtungsweise:
der Spiegel erlaubt es mir zur erkennen, ist aber auch als Zeichen der Eitelkeit bekannt.
Mir wirft das Beschäftigen mit Symbolen immer wieder neue Fragen auf. Das treibt meine Neugier, mehr zu entdecken, in der Welt aber auch an mir.

Gute Vorsätze

Dienstag, Januar 28th, 2014

Heute stolperte ich über eine Meldung des Lokalradios: Mit viel Bohei wurden die guten Vorsätze 2014 zu Grabe getragen. Auf Facebook begleitete eine als Traueranzeige gestaltete Nachricht das ‘allzu zeitige Dahinscheiden’ und in einer Vielzahl von Kommentaren gab es reichlich Beifall.
Ich bin erstaunt. Wenn es nicht nur Geplapper ist, was hier geschrieben wird: warum nehmen sich die Menschen selbst so wenig ernst, dass sie gefasste Entschlüsse schon binnen des ersten Monats lachend über Bord werfen? Es scheint ein liebgewordenes Ritual, sich dem eigenen Schweinehund zu ergeben.
Sollten wir nicht vielmehr unser Scheitern zum Anlass nehmen, über das WARUM nachzudenken? War das Vorhaben falsch formuliert? Will ich die Veränderung, das Ergebnis meines Vorhabens, überhaupt? Habe ich den richtigen Weg zu meinem Ziel eingeschlagen? Oder habe ich mir gar zu viel vorgenommen?
Als Freimaurerin habe ich mir die Arbeit an mir selbst zur ständigen Aufgabe gemacht. Ich bemühe mich, meine Fehler und schlechten Angewohnheiten wahrzunehmen und abzulegen und mich so weiter zu entwickeln, dass sich mein Stein symbolisch harmonisch in den Tempelbau der Menschheit einfügen lässt. Nix für Ungut, Freimaurer sind keine Spaßbremsen. Und doch wünsche ich mir ein bisschen mehr Ernsthaftigkeit, Mut und Konsequenz. Auch für meine eigenen Vorsätze.

Verzeihen in der Freimaurerei

Samstag, Januar 11th, 2014

Was bedeutet Verzeihen oder Nicht-Verzeihen für mich als Freimaurerin?
Die zentrale Aufforderung an Freimaurer lautet: Erkenne Dich selbst! Diese Aufforderung ist zugleich ein Ansatz, sich zu verändern. Wenn ich mich selbst erkenne, kann ich entscheiden, etwas an mir zu verändern und meinen (symbolischen) Stein entsprechend behauen.
Bezogen auf das Verzeihen heißt das: was kann ich dabei über mich erfahren?
Fühlt es sich gut an, zu verzeihen? Oder: fühle ich mich wirklich besser, auf Dauer einen Groll gegen jemanden zu hegen? Warum fällt mir Verzeihen schwer? Warum bin ich so sehr verletzt durch etwas, was mein Gegenüber gesagt oder getan hat? Welche empfindliche Stelle wurde bei mir getroffen? Ich glaube, dass man so eine Menge unbequeme Wahrheiten über sich selbst erfahren, d.h. sich selbst erkennen, kann.
Wenn ich glaube, nicht verzeihen zu können, verfolge ich damit vielleicht einen versteckten Zweck? Gibt es einen erhofften Effekt auf mein Gegenüber? Soll die Weigerung zu verzeihen dem Anderen klar machen, dass er sich “unverzeihlich” verhalten hat? Es ist eher ein Ausdruck von Hilflosigkeit, wenn mir keine andere Reaktion einfällt. Nichtverzeihen wirkt nicht nur auf mein Gegenüber, sondern auch auf mich. Ich schade mit dem Unvermögen zu verzeihen nur mir selbst. Die Auseinandersetzung oder der Streit, um den es geht, wird mich unterbewusst immer beschäftigen und in mir gären. Wenn ich nicht verzeihe, kann auch die Verletzung nicht wirklich heilen. Richtig abschließen, einem Vorfall verarbeiten und hinter sich lassen kann man erst, wenn man wirklich mit ihm fertig ist. Ihn zu verdrängen ist keine Lösung.
Freimaurer sollen ihre Zeit mit Weisheit einteilen, was hier nur heißen kann: Lass’ Dir die Zeit, die Du brauchst, um zu verzeihen. Nicht in allen Fällen wird es gleich schnell oder leicht möglich sein. Aber es lohnt sich, über diese Fragen nachzudenken.
Die Fähigkeit zu verzeihen trägt dazu bei, die Dinge aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten, zu relativieren und das Wesentliche zu erkennen.
Wenn ich verstehe, warum jemand etwas getan hat, fällt es mir vielleicht leichter, zu verzeihen. Meine Einstellungen und Verhaltensweisen zeigen sich vielleicht in einem neuen Licht. Sich selbst zu erkennen, Verständnis für andere zu entwickeln und z.B. zwischenmenschliche Probleme angemessen zu bewerten, das ist gerade aus freimaurerischer Sicht sehr erstrebenswert.

Mein Stein

Sonntag, Januar 5th, 2014

Kürzlich bin ich beruflich umgezogen. Keine große Sache, keine neue Aufgabe, ich arbeite einfach ein paar Räume weiter. Dennoch verschwanden für den Umzug meine gesamten Habseligkeiten in Kisten. Heute habe ich, nach Wochen, die letzte Kiste ausgepackt. Ganz unten fand ich einen kubischen Stein, den ich vor vielen Jahren von einer anderen Freimaurerin geschenkt bekam und der seitdem normalerweise mitten auf meinen Schreibtisch steht.
Der Stein hat für mich als Freimaurerin symbolische Bedeutung. Durch Arbeit an mir selbst verwandle ich im übertragenen Sinne den rauen unbehauenen Stein in einen kubischen, der sich dann harmonisch in den Tempelbau der Menschheit einfügen lässt.
In meinem Arbeitsalltag erinnert er mich immer wieder daran, dass ich mich selbst verändern und weiterentwickeln möchte. Es ist nicht mein Auftrag, bei anderen ähnliches zu tun. Wenn mal etwas nicht ganz rund läuft, was in meinem Arbeitsumfeld durchaus vorkommt, erinnert mich ein Blick auf den kubischen Stein daran zu prüfen, ob ich selbst etwas beitragen kann, die Angelegenheit zu klären oder eine Wiederholung zu vermeiden. Der Blick auf den Stein bewahrt mich davor, der Versuchung nachzugeben, die Fehler und Versäumnisse zuerst bei anderen zu suchen. Ich finde, damit fahre ich sehr gut. Jetzt steht der kubische Stein wieder auf meinem Schreibtisch, an ganz zentraler Stelle, mitten in meinem Blickfeld zwischen Computerbildschirm, Tastatur, Telefon und Unterlagen. Ich habe ihn vermisst!