Posts Tagged ‘Selbsterkenntnis’

Mein Beitrag

Dienstag, Februar 2nd, 2016


In der Loge haben wir verschiedene Aufgaben, die von einzelnen Schwestern für die Gemeinschaft übernommen werden. Meine derzeitige Aufgabe ist es, für verschiedene Veranstaltungen in meiner Loge im Vorfeld die Musik auszuwählen. In diesem Amt spreche ich kein Wort. Das ist ein großer Kontrast zu der Aufgabe, die ich zuvor innehatte. Für mich sind diese Wechsel, die es regelmäßig gibt, überaus inspirierend. Augenblicklich bin ich sozusagen aufgerufen, ohne Sprache an der Stimmung und Atmosphäre zu arbeiten. Ich spinne den Gedanken weiter, entkopple ihn von der Musik und denke über meine Loge nach. Plötzlich nehme ich den Beitrag mancher Schwester für unsere Gemeinschaft sehr viel deutlicher wahr, wie herausgefiltert. Und ich frage mich, ob ich selbst genug sehe und einfach erledige, ohne viele Worte zu machen. Als Musikmeisterin ist es eine große Freude zu fühlen, dass die ausgewählte Musik die Stimmung unterstützt und zu erkennen, dass meine Wahl zum Gelingen der Veranstaltung beiträgt. Auch das lässt sich wieder gut verallgemeinern: Es macht zufrieden, einen sinnvollen Beitrag zu leisten, egal was für einen. Ich werde daran arbeiten.

Bild: birgitH (Pixelio)

Ich habe mich bemüht

Montag, März 23rd, 2015

Für mich als Freimaurerin steckt in der Formulierung „ich habe mich bemüht“ eine ernsthafte Anstrengung. In der Loge bewerten und beurteilen wir die Arbeit und das Fortkommen der anderen nicht. Was die Einzelne tatsächlich gearbeitet hat und wie weit sie auf ihrem Weg vorangekommen ist, können die Schwestern jeweils nur selbst beurteilen. Wenn wir das Ergebnis der anderen also nicht begutachten, so bleibt nur eine (Selbst-)Aussage über die Intensität der Arbeit: Ich habe mich bemüht.
In was für einem Kontrast steht das mit dem Alltagsleben! Ist doch unter Personalern dieser Satz gleichbedeutend mit: Die hat nie etwas auf die Reihe bekommen! Dabei hat sie sich stets bemüht…ein vernichtendes Urteil.
Letzte Woche hatte ich im Büro ein schwieriges und heikles Thema auf dem Tisch. Ich sprach mit einem Kollegen darüber, der kam wiederum aus der Personalabteilung - und was habe ich gesagt? Sie ahnen es: Ich habe mich bemüht. Damit habe ich natürlich eine Lachsalve ausgelöst. Es war nicht zu ändern. Worte sind nun einmal unterschiedlich belegt. Ich habe mitgelacht und mich zugleich darüber gefreut, dass ich mit freimaurerischem Blick auf die Dinge geschaut habe.

(Foto: Lichtkunst 73, Pixelio)

Unfall mit Lerneffekt

Samstag, März 14th, 2015


Unterwegs auf der A 2. Im Regen. Zum Glück nicht besonders eilig. Und doch erwischt es uns. Es ist die klassische Situation, die keiner will, die aber dennoch fast alltäglich ist: Vor uns entwickelt sich ziemlich plötzlich ein Stau. Wir müssen kräftig bremsen. Sehr kräftig. Uff. wir stehen. Ein Blick in den Rückspiegel zeigt: Jawoll, auch der Kastenwagen hinter uns hat es geschafft. Und dann geht es sehr schnell. Es macht bumm und noch mal bumm und es treibt uns aufs Heck des Vordermanns. Das alles auf der Überholspur. Das Herz klopft mir bis zum Halse, ich fürchte, dass noch mehr Autos in uns reinknallen, zum Glück bin ich nur Beifahrerin, kann nichts tun und muss nichts tun, mir sind die Knie weich, der umsichtige Fahrer sagt, bleib mal sitzen, regelt was mit Vorder- und Hintermann und tatsächlich schaffen es die vier Fahrzeuge durch den dicken Verkehr auf den sicheren Seitenstreifen. Ich atme auf. Keiner ist verletzt, halb so wild, nur Blechschäden, sagt der Fahrer, ich atme noch mal auf. Nach gefühlten Ewigkeiten steige ich dann aus, zieh mir die Warnweste an und betrachte die Männer hinter der Leitplanke. Ein junger Mann, der aussieht wie ein Student, ein etwas dunkelhäutiger Mann, der türkisch oder arabisch aussieht, ein älterer Herr mit Schnurrbart. Ich betrachte die Autos: Vorne ein schwarzer PKW, dann der, in dem ich saß, denn der weiße Kastenwagen und schließlich ein blauer BMW, dessen Schnauze heftig eingedrückt ist. Der BMW war offenbar auf das Stauende gerasselt und hatte uns und die anderen ineinander geschoben. Für mich ist selbstverständlich klar: Der arabisch aussehende Mann hat den BMW gefahren, der ältere Herr den Kastenwagen, der Laborproben enthielt… Ich staune nicht schlecht, als ich dann feststellen muss, dass es sich genau umgekehrt verhält: Der ältere Herr war der BMW-Fahrer. Und mir ist mal wieder klar geworden, dass ich - ja, ich!!! - weit davon entfernt bin, von mir sagen zu können: Ich habe keine Vorurteile.

(Bild: Petra Bork, Pixelio)

Selbsterkenntnis und Selbstvervollkommnung

Dienstag, Dezember 9th, 2014

Gedanken anlässlich der Thementage “Wir optimieren uns zu Tode” im WDR.
Die freimaurerische Idee der Selbstvervollkommnung, der Arbeit an sich selbst, bekommt heutzutage schnell einen falschen Zungenschlag. In unseren modernen Zeiten besteht durchaus die Gefahr, dass diese Idee ins Fahrwasser der zwanghaften Selbstoptimierung gerät. Die Thementage auf WDR 5 beschäftigen sich mit diesem Zwang zur Perfektionierung, die unglaublichen Stress erzeugt und viele geradezu ins Unglück stürzt.
Ich muss jung aussehen, egal wie alt ich bin; notfalls muss ich unters Messer. Ich muss den Tag effektiver angehen, damit ich noch mehr Termine und Aktivitäten in den 24 Stunden unterbringen kann. Ich muss immer glücklich und darf nie unglücklich sein, wenn doch, muss ich zum Psychologen oder brauche Pillen. Ich muss Hirnschrittmacher einnehmen und auch meinen Kindern verordnen, damit sie in der Selbstoptimierungs-welle mit schwimmen können. Ich muss innerhalb von wenigen Jahren eine steile Karriere bauen und zu den oberen Zehntausend gehören. Ich muss mich zu Extremstleistungen quälen, ob im Sport, im Beruf, im Haushalt, im eigenen Erscheinungsbild. Kurzum: Ich muss alles überall immer schneller, höher, weiter, klüger, stärker und schöner machen, sonst bin ich ein Nichts. Madonnas alter Song “I am a material girl and I live in a material world” erscheint vor diesem Hintergrund fast schon prophetisch. Das Ergebnis einen solchen Wahns sind vereinzelte Egoisten, die außer sich selbst nichts und niemanden mehr wahrnehmen, sich nur noch innerhalb ihrer überhöhten Ansprüche bewegen.
Hat das mit Selbstvervollkommnung zu tun? Ich sage: Nein, nicht im mindesten. Selbstvervollkommnung kommt von innen, nicht von außen. Wer sich vervollkommnen will, erfährt, lernt oder weiß, was in ihm steckt - und stopft keine gesellschaftlich legitimierten und forcierten Anspruchs-Schemata in sich hinein.Wer sich selbst vervollkommnen will, arbeitet mit sich und nicht gegen sich und lernt sich selbst dabei besser kennen, setzt sich nicht permanent und kurzsichtig unter Druck, sondern hält inne, wägt ab und verschafft sich durch Rück- und Vorausschau einen Überblick, um dann im Hier und Jetzt präsent sein zu können. Das kritische Hinterfragen von Mode und Möglichkeiten, Zeitgeist und Mainstream gehören auf jeden Fall dazu. Und die Einsicht, dass nicht alles, was sein KANN auch sein MUSS.

Ich bin zufrieden

Sonntag, September 28th, 2014

Als ganz junger Mensch hatte das Wort Zufriedenheit für mich wenig Kraft. Gefühlt entsprach es wohl einem “befriedigend” und es ging auf jeden Fall besser als zufrieden. Das Leben bestand aus vielen Wünschen und unendlichen Möglichkeiten. 
Die Lebenserfahrung brachte die Erkenntnis, dass alles seinen Preis hat. Um zu erreichen, was man anstrebt, muss man sich anstrengen. Das ist völlig OK. Genauso OK ist es, abzuwägen, was einem etwas wert ist. Um x zu erreichen, muss ich y aufgeben oder z tun. Bin ich dazu bereit? Ist es mir das wert? Empfinde ich den Preis als angemessen?
Über die Jahre habe ich gelernt, meine Balance zu finden zwischen dem, was ich möchte und dem, auf das ich lieber verzichte, weil mir der Preis (beileibe nicht nur Geld!) nicht angemessen erscheint. Und genau diese Balance, das Abwägen und Austarieren ist es, was mir den Begriff der Zufriedenheit letztlich neu erschlossen hat. Wenn ich heute sage: Ich bin zufrieden, dann drückt sich darin weit mehr aus als ein “befriedigend.” Es meint, dass ich bewusst lebe und entscheide und mir über meine Möglichkeiten und Grenzen und über Konsequenzen meines Tuns weitestgehend im Klaren bin. In der Loge, meiner Werkstätte, habe ich Werkzeuge an der Hand, die ich zur Überprüfung und, falls nötig, zur Korrektur nutzen kann. Wenn ich das recht verstehe, dann ist das Ergebnis meiner Prüfung: Ich bin im Gleichgewicht. Ich bin zufrieden.

Von Nervensägen und Spiegeln

Sonntag, September 14th, 2014

Manche Zeitgenossen lösen bei ihren Mitmenschen einen regelrechten Fluchtreflex aus. Gerade kürzlich habe ich auf einer Konferenz wieder diese Beobachtung gemacht. In diesem speziellen Fall erreichte ein Teilnehmer durch pausenloses langatmiges Nörgeln und fortgesetztes Äußern von Bedenken zu wirklich Allem und Jedem, dass andere ihm möglichst aus dem Weg gingen. Mir fiel das auf, weil ich selbst das Weite suchte, wenn er sich näherte. Ob ihm bewusst ist, wie er auf seine Umwelt wirkt? Was er tun könnte, um das zu ändern? Ich weiß es nicht und ich sehe mich als äußerst entfernte Kollegin auch keineswegs in der Position, ihn darauf aufmerksam zu machen. Die Umgangsformen des Geschäftslebens ließen dies gar nicht zu. In der Loge wäre das anders. Als Freimaurerin bemühe ich mich selbst darum, meine Umwelt bewusst wahrzunehmen. Ich hoffe, dass meine eigenen blinden Flecken so über die Zeit kleiner werden und ich mehr und mehr lerne, aus den Reaktionen anderer auf mich die richtigen Schlüsse zu ziehen. Alleine und ohne Hilfe wird es mir allerdings nie gelingen zu sehen, was andere wahrnehmen. Doch ich habe Glück: In der Loge darf ich darauf hoffen, dass meine Schwestern mir den Spiegel vorhalten und mir so helfen, mehr von mir zu erkennen. Ich darf sogar darauf vertrauen, dass sie das wohlwollend und liebevoll tun. Sie wollen mich ja nicht verletzen. Ich werde mich bemühen, daran zu denken, wenn ich das nächste Mal etwas über mich erfahre, was mir nicht bewusst ist und wahrscheinlich auch nicht gefällt. Wir haben schließlich alle unsere Macken. Mögen es weniger werden und nicht mehr! Dies wünsche ich, aus der Ferne, natürlich auch dem genannten Kollegen.

Die Pause nach dem Höhepunkt

Freitag, Juni 27th, 2014

Es war wunderschön, das Johannisfest, das wir vor ein paar Tagen in unserer Loge gefeiert haben. Es war besonders festlich und wir haben uns viel Zeit genommen, miteinander zu feiern, zu speisen und das unbeschwerte Zusammensein zu genießen. Auf der ganzen Welt treffen sich Freimaurerinnen rund um den längsten, lichtvollsten Tag des Jahres zum Johannisfest. Es ist der Höhepunkt unserer Arbeit im Logenjahr. 
Gleich nach diesem Höhepunkt beginnt in vielen Logen die Sommerpause, so auch in meiner Loge. Erst im September gehen die Veranstaltungen wieder los. 
Was bedeutet diese Pause nach dem Höhepunkt für mich? 
Klar, im Sommer sind viele Mitglieder der Loge nach und nach im Urlaub. Vielleicht ist es pragmatisch, die Treffen so lange auszusetzen und vielleicht ist diese Tradition so entstanden. Doch die Pause wirkt! Sie ist eine spürbare Zäsur. Wie in der Musik lässt auch in der Maurerei die Pause das Vorhergegangene wirken, betont und erzeugt Spannung für das Kommende. Ich denke darüber nach, was die Loge, die Freimaurerei und die Schwestern für mich bedeuten. Ich denke darüber nach, was sich in meinem Verhalten oder unserem Zusammensein vielleicht unbemerkt und unerwünscht eingeschlichen hat und nehme mir vor, das zu ändern. Ich werde wahrscheinlich, so war es in den letzten Jahren, über den Sommer eine wachsende Ungeduld verspüren, dass es endlich wieder los geht und mich dann bewusst und voller Elan in das neu beginnende Logenjahr stürzen. Ich nehme auch wahr, was ich in den zurückliegenden 12 Monaten geschafft habe und freue mich über alles, was ich und was wir erreicht haben.
Und wer weiß, vielleicht ist es ja im übertragenen Sinne wie im Leistungssport, wo die Trainingspause zu einer Leistungssteigerung führt. Vielleicht führt die Pause dazu, dass wir einen Satz nach vorne machen auf unserem jeweils individuellen Weg der (Selbst-) Erkenntnis. Ein schöner Gedanke.

FrauMaurer verabschiedet sich heute ebenfalls in die Sommerpause. Wir freuen uns schon heute auf eine Fortsetzung im September!

Freimaurerei ist Arbeit

Montag, Mai 5th, 2014

Freimaurerei war und ist immer Arbeit. Die Kultur des Gespräches, des Austausches, das sich beschäftigen mit unterschiedlichsten Themen und Menschen erfordern Offenheit und jedes Mal auch Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen.
Die logische Konsequenz dieser Haltung ist dann der einsetzende Veränderungsprozess im Denken und Handeln bei jeder einzelnen.
So ist eine Freimaurerloge kein Fluchtort vor sich selbst und der Jetztzeit mit all ihren an uns gestellten Aufgaben, sondern eine Begegnungsstätte aufgeschlossener Menschen, die ihre Kritikfähigkeit entwickeln und ihr Urteilsvermögen schärfen wollen.
Selbsterkenntnis kann schmerzhaft sein, unbequem und zur eigenen Krise führen. Aber nur in Krisensituationen, durch Reibung mit sich selbst und mit anderen, entsteht neues Denken und immer auch die Chance zu einem Richtungswechsel.
Demnach ist Freimaurerei auch nicht der permanente Versuch, von der These über die Antithese zu Synthesen zu finden, Harmonie um jeden Preis zu erzeugen. Nur in der Spannung der Gegensätze und in der Erkenntnis, dass auch zwei Meinungen richtig sein können, ist neues Denken, ist Weiterentwicklung möglich.

Warum mir das Ritual so wichtig ist

Freitag, Mai 2nd, 2014

Für manche Außenstehende mag es merkwürdig erscheinen: Das Ritual, das wir auch Tempelarbeit nennen, hat in der Freimaurerei einen sehr hohen Stellenwert. Der so genannte “Tempel” ist keine Kirche, keine religiöse Kultstätte, sondern ein geschützter, abgeschlossener Raum im Sinne des lateinischen Begriffs templum. Wir schaffen uns diesen geschützten Raum selbst, bauen ihn gemeinsam auf und erzeugen auf diese Art eine Atmosphäre, die sich deutlich von der Alltagswelt abhebt. Das Ritual dient der Vertiefung unserer freimaurerischer Werte (wie Menschenliebe, Toleranz, Gradlinigkeit, Respekt vor dem jeweils anderen u.a.m.) in ganzheitlicher Weise, also nicht nur auf intellektueller, sondern auch auf emotionaler Basis und auf der Handlungsebene, denn im Ritual handeln wir gemeinsam. Insofern stellt das Ritual auf eine symbolische Weise die freimaurerische Arbeit dar und dient z.B. der Erinnerung an unsere Werte, der Festigung, der Selbstvergewisserung - und das gemeinsam mit den anderen Schwestern in einer strukturierten, klar definierten Form. Gleichzeitig wirkt das Ritual (-wie alle Gruppenrituale-) gemeinschaftsstiftend und -fördernd und ermöglicht uns auf eine besondere Weise, uns als zugehörig und eingebunden zu erfahren. Die Arbeit am rauen Stein aber findet immer und überall statt - im Ritual, in der Loge (die ja auch andere Veranstaltungen hat), im eigenen Alltag… Eine gelungen Ritual-Performance ist etwas ganz Wunderbares. Ich erlebe das Ritual dann als eine Art Quelle für innere Kraft, die mich trägt und stärkt, als einen Ort der Selbstbesinnung - und manchmal auch der ganz großen Gefühle. Freude, jähes Aufblitzen von Erkenntnis -manchmal bei einem Satz, den ich eigentlich schon hundertmal gehört habe- , Betroffenheit, Anstöße zum weiteren Nachdenken. Das alles hätte ich mir, auch als ernsthafte Suchende, vorher nicht träumen lassen. Und es hat durchaus ein Weilchen gedauert, bis sich diese Art des Erlebens entfaltet hat, denn ganz am Anfang war mir alles viel zu neu, da konnte ich die vielen Dimensionen und Ebenen des Rituals nicht wirklich erfassen, das stellte sich erst allmählich ein, mit der entsprechenden Ritualpraxis und -erfahrung in Kombination mit Hintergrundwissen. Ich bin schon sehr lange Freimaurerin und kann auch heute noch sagen: Die Vertiefung dieses Erlebens hört nicht auf, wenn jemand wirklich freimaurerisch “arbeitet” und nicht bloß körperlich anwesend ist.

Wozu Selbsterkenntnis?

Dienstag, März 18th, 2014

ICH suche mein SELBST. Die Umkehrung lautet: Mein SELBST sucht MICH. Also bin ICH die kontrollierende Instanz. Mein Selbst zu erkennen ist mein Ziel. Wenn mein Tun im Einklang mit meinen Gefühlen, Bedürfnissen und Gedanken steht, also wenn alles in meiner natürlichen Ordnungskraft passiert, dann bin ich ganz ich selbst. Nur so kann ich meine Möglichkeiten voll ausschöpfen, Mensch zu sein.
Wozu Selbsterkenntnis?
Die Gesamtheit und absolute Wahrheit meines Selbst wird für mich und andere nicht erfassbar sein. Ich darf mir maßvoll selbst ein Geheimnis bleiben. Und doch sind Klarheit und Deutlichkeit Kriterien der Wahrheit über mein Selbst. Egal, ob ich philosophisch, theologisch oder ich mein psychisches oder neurobiologisches Selbst betrachte, unsere Moderne hat uns die Chance und Last eines selbstbestimmten Lebens in Würde und Glück gegeben. Der Prozess der Individualisierung und Freiheit von religiöser, politisch-ökonomischer und sozialer Bindung, so schreibt Wilhelm Schmid, kommt einer Absolution im Sinne eines Freispruchs gleich und ermöglicht innere Freiheit. Mit der Auflösung von unnötigen gedanklichen Zusammenhängen besteht jedoch auch die Gefahr des Sinnverlusts. Nach Descartes methodischem Zweifel ist Wissen jedoch ohnehin ungewiss. Demnach besteht die Kunst des Lebens darin, mit dieser Ungewissheit umzugehen. Ich benötige eine stärkende Ausrichtung nach innen und außen. Ich gehöre zu mir und zur Gemeinschaft aller Menschen. Selbsterkenntnis ergänzt, korrigiert und gestaltet mein Lebenskonzept und seine Umsetzung.