Posts Tagged ‘Liebe’

Kleiner Anruf mit großer Wirkung

Dienstag, September 13th, 2016


Namika: Lieblingsmensch

Ich bin jetzt gerade, in diesem Moment, total gerührt. Soeben hat mich meine beste Freundin angerufen, die ich schon seit der Schulzeit kenne. Sie war auf dem Heimweg von der Arbeit und hörte im Autoradio das Lied vom Lieblingsmenschen, sagte sie. Da musste sie mich einfach anrufen, weil ihr mal wieder aufgegangen sei, dass ich das bin - ihr Lieblingsmensch! Ich stecke gerade in einer unangenehmen Pflichtarbeit, die gar keinen Spaß macht. Und jetzt fühl ich mich so beflügelt, so reich, so wichtig, so beschenkt, dass ich fast weinen muss. Wie wunderbar!

Nach den Attentaten von Paris: Freiheit, Humanität und Menschenwürde – jetzt erst recht!

Sonntag, November 15th, 2015


In Paris haben Terroristen am Abend des 13. November bei Attentaten an verschiedenen Orten der Stadt mehr als 128 Menschen getötet und mehr als 200 verletzt. Sie wüteten vor dem Fußballstadion, in einem Rockkonzert, in Restaurants – an Orten, an denen Menschen in ihrer Freizeit zusammenkommen, um sich zu erholen und zu erfreuen. So viele unschuldige Menschen haben ihre Leben verloren oder ihre Gesundheit, liegen jetzt im Krankenhaus, andere sind körperlich unversehrt geblieben, aber zutiefst geschockt. Ich – und sicher nicht nur ich allein – bin mir zwar bewusst, dass das alles nichts ist gegen das Grauen des Krieges, der zurzeit in Syrien tobt, doch ich bin entsetzt und tieftraurig über derartige Gewaltexzesse in Europa. Ich habe das Bedürfnis, den Opfern, ihren Angehörigen und Freunden, den Französinnen und Franzosen mein Beileid auszusprechen, und neben aller Trauer spüre ich auch Zorn. Auch damit bin ich sicher nicht allein.
Um so wichtiger ist, dass wir in diesen schweren Tagen gemeinsam für unsere europäischen Werte eintreten: für Freiheit und Humanität. Umso wichtiger ist, uns nicht von der gegenwärtig hochemotionalen Stimmung mitreißen zu lassen, die nicht mehr unterscheidet zwischen Verbrechern und Flüchtlingen, zwischen aufgeklärt-moderner und fundamentalistisch-fanatischer Religion und die der Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit Tür und Tor öffnet.
Die barbarischen Morde in Paris haben nicht die Flüchtlinge in Europa, die vor genau diesem Wahnsinn geflohen sind, begangen. Die Attentate wurden von Verbrechern und Verblendeten angezettelt, geplant und ausgeführt, von Menschen, die ich für schwer krank, für hochgradig psychisch gestört und kriminell halte und die gegen alles verstoßen, was mir heilig ist: Die Liebe, die Menschenwürde, die Humanität, die Freiheit, die Toleranz. Ihnen und denjenigen, die ihnen nacheifern, muss mit aller Härte Einhalt geboten werden; sie gehören schnellstmöglich hinter Schloss und Riegel. Wer aber jetzt triumphiert und die schändlichen Attentate als Vorwand für weitere Stimmungsmache gegen Wehrlose, Verfolgte und Verzweifelte missbraucht, verstößt auch gegen unsere gemeinsamen Werte. Die Morde in Paris dürfen nicht als Vorwand dienen, uns abzuwenden von den Pflichten, die uns unser Grundgesetzt in § 16 a auferlegt: Politisch Verfolge genießen Asylrecht. Die Mörder dürfen uns nicht dazu bringen, alle Menschen muslimischen Glaubens pauschal zu Feinden zu erklären, denn die extrem-fanatische Haltung des IS hat mit dem Glauben der überwiegenden Mehrzahl unserer muslimischen Mitbürger, Nachbarn und der Mehrzahl der muslimischen Flüchtlinge nichts gemein. Nicht Angst und Hass und Pauschalurteile sollen uns leiten und unsere Haltung und Weltsicht bestimmen, sondern das Streben nach Licht, Leben und Liebe, Wohlwollen und Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und die Suche nach möglichst menschenfreundlichen Strukturen. Kehret niemals der Not und dem Elend den Rücken – diese Aufforderung gilt besonders in schweren Zeiten. Ohne Not lässt sie sich als blutleere Formel und netter Spruch leicht dahinsagen. Nur in Krisenzeiten zeigt sich, ob wir diese Worte ernst nehmen und mit Leben füllen.

Die aus der Reihe tanzt

Donnerstag, Februar 19th, 2015

Die aus der Reihe tanzt
In der Loge sind alle Schwestern gleich, sind alle Schwestern. Die Individuen sind natürlich sehr verschieden. So wie es bei biologischen Schwestern auch der Fall ist bzw. sein kann. Symbolisch sehen Freimaurerinnen sich in einer Kette stehen, ein wirklich schönes Bild, wie ich finde. Doch was ist eigentlich, wenn eine aus der Reihe tanzt?
Gibt es das überhaupt, werden Sie vielleicht fragen. Da die Freimaurerei keine Dogmen kennt und die individuelle Entwicklung der Einzelnen in der Loge angeregt und gefördert wird, ist das eine sehr berechtigte Frage. Ich versuche es anders: Was ist, wenn eine immer wieder anders reagiert oder sich anders verhält als die Mehrheit der Schwestern? Wenn sie offensichtlich andere Werte priorisiert, z.B. das Eigeninteresse immer wieder über das Gruppeninteresse stellt? Ich wünsche mir in der Loge keine Uniformität und auch keine “Normalität” im Sinne einer normierenden Mehrheit. Gerade die Unterschiede sind es, die das Miteinander interessant und bereichernd machen. Dennoch ist der Effekt der Unkonformität im beschriebenen Sinne vor allem eines: anstrengend. Ich bin in dem Moment gezwungen, mich auseinander zu setzen. Ich muss meine eigenen Werte und Prioritäten hinterfragen und um eine angemessene Reaktion ringen. Ich werde andere nicht ändern, also muss ich selber mein Umgehen finden. Das ist mitunter schwierig und bedeutet ein Verlassen der eigenen Komfortzone. Wo es gelingt, ist es eine gute Erfahrung, die mich selbst dann auch wieder ein Stückchen weiter gebracht hat. Und wenn es nicht gelingt? Wenn die anderen Schwestern nicht in der Lage sind, reflektiert und mit Augenmaß und schwesterlicher Liebe zu reagieren? Dann wird es schwierig, vielleicht sogar kritisch. Am Ende der Überlegung steht für mich die Erkenntnis: Es kommt auf mein eigenes Verhalten an. Immer wieder, jedes Mal. Jede einzelne hat Verantwortung dafür, dass das Gemeinsame gelingt.

(Foto: Renate Franke, Pixelio)

Menschenliebe? Humanität? Für mehr Zusammenhalt 2015!

Mittwoch, Januar 21st, 2015

Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu belassen und zu hoffen, dass sich etwas ändert. (Albert Einstein)

Schon vor den Anschlägen von Paris habe ich intensiv über den Begriff des „Zusammenhalts“ nachgedacht. Er begegnete mir um den Jahreswechsel in einer Reihe von Ansprachen und Texten, auch in Berichten über „Pegida“. 
Zusammenhalt erscheint mir tatsächlich als ein Schlüsselwort für dieses Jahr: Der Zusammenhalt der vielen unterschiedlichen Menschen in unserem Land in Liebe und gegenseitigem Wohlwollen - den anderen zu- und nicht abgewandt, durch echtes Miteinander und nicht durch gemeinsame Feindbilder geleitet. Die aktuelle Bertelsmannstudie “Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt” gibt aufschlussreiche Einblicke in Zusammenhänge (vielleicht an dieser Stelle demnächst separat ein Thema). Der Zusammenhalt ist eine Kraft. Er ist nicht von alleine da, sondern entsteht durch die täglichen Bemühungen vieler einzelner Menschen. Freimaurerinnen fühlen sich Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit bzw. Schwesterlichkeit und Toleranz verpflichtet. Wenn ich mich tatsächlich aktiv für die freimaurerischen Werte einsetze, dann fördere ich unweigerlich den Zusammenhalt in meinen sozialen Kontexten. Das Schlüsselwort an dieser Stelle lautet aktiv! Die Solidaritätsbekundungen in den sozialen Medien nach den Anschlägen von Paris sind ein wichtiges und gutes Signal, doch reicht diese symbolische Handlung allein nicht aus. Freimaurerin sein bedeutet eben nicht, lediglich etwas als richtig zu erkennen, sondern es bedeutet, diese Erkenntnis in das aktive Leben zu übertragen. Es geht gerade nicht um die ewige Innenschau und das andauernde Beschäftigen mit theoretischen Inhalten! Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, wenn das Bemühen um ein besseres Miteinander im Umfeld der einzelnen Freimaurerinnen gar nicht spürbar wäre, wäre die Freimaurerei verzichtbar.
Der Lehrling lernt, seine Möglichkeiten zu erforschen. Die Gesellin nimmt sich selbst als Mitglied der Gemeinschaft wahr und die Meisterin erkennt die Notwendigkeit der eigenen aktiven Lebensgestaltung und -haltung. Letztlich entscheidet das eigene Verhalten darüber, ob wir zeitlebens Freimaurerinnen sind oder nur heißen. Wenn ich also Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Toleranz ernst nehme, dann werde ich aktiv die Stimme erheben, wo es nötig ist. Ich werde mich umschauen, wo es mir in meiner Umgebung möglich ist, einen aktiven Beitrag zu leisten und ich werde Möglichkeiten finden, durch eigene Beiträge die Not um uns, gleich in welcher Form sie sich zeigt, zu lindern. Ich bleibe nicht gleichgültig. Ein Leitgedanke kann dabei sein: Wie kann ich den Zusammenhalt fördern? Ich wünsche mir, dass möglichst viele Menschen in diesem Jahr, Freimaurer oder (noch) nicht, in dieser Form dazu beitragen, dass unsere Welt ein bisschen besser, ein bisschen wärmer und ein wenig heller wird. 

Vernunft und Liebe in der Freimaurerei (3/3)

Dienstag, Dezember 16th, 2014

Teil 3 - Ein Widerspruch?
Manchmal mag es scheinen, als gebe es in der Freimaurerei einen Widerspruch zwischen Vernunft und Liebe. Zum Beispiel die Wasserwaage, auf der alle Schwestern gleich sind. In welcher Gemeinschaft gibt es das, dass ein neues Mitglied den schon lange dazu gehörenden, altgedienten, gleich gestellt wird? Sie kann zwar noch nicht alle Ämter übernehmen, dennoch gilt ihre Stimme bei allen Abstimmungen wie jede andere. Es gibt Freimaurer, die meinen, es sein vernünftiger, die neu aufgenommene Schwester oder den Bruder von manchen Entscheidungen auszuschließen, ja ein gewisses Redeverbot im ersten und zweiten Grad auszusprechen, weil sie sich noch nicht auskennen. Sie sollen lieber zuhören. Damit wird aber zugleich der erfrischende, belebende, weil noch unbefangene Blick ausgeschaltet. Es scheint manchen vernünftig, das Althergebrachte und Erprobte vor dem Urteil der Neuen zu schützen, die ja noch keine Erfahrung haben. Vom Standpunkt der Liebe aus ist aber das Nichthören auf Neues, noch Ungewisses ein Verlust, weil vom Wesen der Liebe her das Heute entscheidend ist. Wenn ich sage: ich liebe, dann heißt das: ich liebe heute, nicht gestern oder morgen.
Wenn wir aus schwesterlicher Liebe die Neue ernst nehmen, ist das Ergebnis immer vernünftig, mag es zunächst auch unvernünftig erscheinen. Es erweist sich letztlich als förderlich für unsere Gemeinschaft, denn es verpflichtet die älteren Schwestern zur Aufmerksamkeit gegenüber den jüngeren, neuen Schwestern. Aufmerksam füreinander zu werden, scheint mir eine sicherere Basis als Aufmerksamkeit für die Tradition! Außerdem kann das Talent, das eine jede neue Schwester mitbringt, von Anfang an der Gemeinschaft zugute kommen. Und die Aufmerksamkeit vonseiten der älteren bewirkt bei den jüngeren Schwestern das Hinhören auf die Gedanken und Erfahrungen der älteren. Das ist meine persönliche Erfahrung mit meiner Bürgin.
Das ist das Schöne, dass wir einander respektieren und anerkennen und uns freuen über die vielfältigen Begabungen, die sich in einer solchen Gemeinschaft dann offenbaren. Das ist das, was eine Gemeinschaft auch zusammenhält - dieses Bewusstsein vielfältiger Talente und vielfältiger Menschen in ihre Eigenart, die alle zusammenkommen als Freimaurerinnen. Das ist unsere Freude aneinander. 
Die Liebe will auch nicht urteilen, wer wo etwas falsch machte oder versagte. Vielmehr hat ein liebender Mensch das Ziel und die Sache im Auge, weil er diese Sache schätzt. Darum ist, wer liebt, an einer Lösung interessiert und nicht daran zu untersuchen, wie es zur Schwierigkeit kam. Im Grunde erlaubt uns unser Freimaurersein überhaupt kein anderes Miteinanderumgehen als ein an der Sache orientiertes Verhalten. Das ist Aufklärung mit Herz. Was die Vernunft erkennt, kann nicht ohne Liebe verwirklicht werden. 
Für die Meisterin hat das letzte Wort immer die Liebe. Der Lehrling soll lernen, winkelrecht, vernünftig einzusehen und zu handeln; die Gesellin wird schon ermuntert, auf Liebe zu bauen; die Meisterin schließlich wird hingewiesen auf die heilende, überwältigende Wirkung der Liebe. Es beginnt mit der Vernunft und endet mit der Liebe. 

Vernunft und Liebe in der Freimaurerei (2/3)

Samstag, Dezember 13th, 2014

Teil 2 - Liebe
So sehr uns heute der radikale Einsatz der Vernunft sympathisch ist, es liegt darin schon die Gefahr verborgen, der man in der Aufklärung erlegen ist: die Verabsolutierung der menschlichen Vernunft in der Weise, dass man einfach nichts mehr gelten lässt, was über den Bereich der Vernunft hinaus gehen könnte.
Der Kopf ist nicht der ganze Mensch. Es gehört wesentlich das Herz dazu, das heißt, die Liebe. Die Liebe ist DAS menschliche Erbe! Doch gibt es im Fall der Liebe einen Worteverfall. Nicht die Sache, der Wert, die Liebe ist verfallen, verschwunden, sondern das Wort Liebe ist abgenutzt. Wählen wir statt der Substantivs Liebe lieber das Verb lieben, denn nur wenn Menschen lieben, gibt es Liebe.
Wie der Körper durch das Atmen lebt und stirbt, wenn das Atmen aufhört, so lebt die Seele durch Lieben. Der russische spirituelle Meister Gurdjeff hatte die Vorstellung, dass viele Menschen gar keine Seele haben, weil sie nie angefangen haben zu lieben. Lieben wandelt die im Menschen vorhandene Möglichkeit in eine Wirklichkeit. So sagen wir ja auch ein Mensch habe oder sei eine große Seele, was so viel heißt wie: er ist gütig, großmütig, liebevoll usw.
In jedem Mensch schlummert die Liebesfähigkeit als ein Samenkorn. Mir scheint eine der grundlegenden menschlichen Illusionen darin zu bestehen, dass wir vorgeben oder meinen zu wissen, was Lieben bedeutet und darum Lieben nicht entdecken. Denn wenn ich der Meinung bin, etwas zu können, kann ich die Notwendigkeit nicht sehen, es lernen zu müssen und danach zu suchen. Meist kommen wir nur durch leidvolle Erfahrung dahin: ich will lieben lernen. Aus freimaurerischer Sicht ist Lieben, Menschenliebe immer schon etwas, woran wir arbeiten können und müssen. Liebe ist nichts Fertiges. Freimaurerische Ideale übernehmen heißt: tolerantes Verhalten einzuüben, lieben zu lernen, die Geschwisterlichkeit der Menschen zu erkennen, kurz: die Bereitschaft zu lernen mitzubringen.
Wenn wir Lieben verstehen wollen, müssen wir aufhören zu rechnen.
Nichts ist vielgestaltiger als die Liebe, heißt es bei Paulus. Eros, der da die Sterne wälzt und Sonnen, schreibt Dante. Eros ist der älteste Gott, sagt Platon. Gott ist die Liebe, steht im 1. Johannesbrief. Worin drückt sich schwesterliches Lieben aus? Im Verständnis füreinander, in gegenseitigem Wohlwollen, im Respektieren auf der Wasserwaage. Der Zirkel, der Liebe symbolisiert. Schönheit vollende den Bau! Liebe vollende unsere Arbeit.
Duns Scotus, Franziskaner und berühmter Theologe, der 1308 in Köln starb, hat eine wunderbare Formulierung gefunden:

Amo, voll ut sis. Ich liebe dich, ich will, dass du bist.

Das ist ein Lieben, dass mit Vernunft zu tun hat. Indem ich einen Menschen liebe, bejahe ich seine Existenz. Und seltsamer Weise auch meine eigene. Denn um zu sagen: ich will, dass du bist, benötige ich eine gewisse innere Stärke, die wiederum zunimmt im Lieben eines anderen Menschen.
Liebe - freimaurerisch Humanität - sind große Wörter. Was heißt das in unserem täglichen Umgang miteinander?

Geduld - Liebe, die ertragen kann
Freundlichkeit - Liebe, die Freude bewirkt
Großzügigkeit - Liebe, die nicht neidisch ist
Anstand - Liebe, die sich nicht unverschämt benimmt
Selbstlosigkeit - Liebe, die nicht den eigenen Voteil sucht
Gelassenheit - Liebe, die sich nicht reizen lässt
Aufrichtigkeit - Liebe, die mit der Wahrheit übereinstimmt
Mitgefühl - Liebe, die sich mitfreut und mitleidet

Vernunft und Liebe in der Freimaurerei (1/3)

Sonntag, Dezember 7th, 2014

Teil 1 - Vernunft
Was bedeuten Vernunft und Liebe in der Freimaurerei?
Ein Lahmer und ein Blinder wurden im Wald von einem Feuer überrascht. Da nahm der Blinde den Lahmen auf die Schulter und beide konnten sich retten. Liebe ohne Vernunft ist blind. Vernunft ohne Liebe ist lahm. Die Liebe, das Herz, nimmt die Vernunft, den Kopf, auf die Schulter. Vernunft ist Kopfarbeit, Liebe ist Herzarbeit. Arbeit ist also beides!
Die Loge ist eine Herausforderung für jede von uns, vernünftig handeln und lieben zu lernen. Gerade in einer kleinen Gemeinschaft lässt sich leichter herausfinden, ob eine Sache vernünftig und ob sie mit schwesterlicher Liebe ausgeführt wird, als in einer sehr großen Gemeinschaft, wo eine einzelne sich verstecken oder bedeckt halten kann. 
Auf dem freimaurerischen Einweihungsweg scheint es vernünftig zu fragen: Geht das ohne Anleitung? Brauchen wir spirituelle Führung? Sollte sich ein „freier Mensch von gutem Ruf“ darum bemühen, geführt zu werden? Die Freimaurerin ist in der Loge keiner Führung unterstellt, vielmehr ist jede einzelne Schwester gefordert, sich um ihr Weiterkommen selbst zu kümmern. Hier wird das geistige Erbe der Aufklärung wirksam: nicht denken lassen sondern selber denken. Das Erleben von Gemeinschaft und freimaurerischer Arbeit soll eine Wandlung bewirken, deren Wirkungen jedoch nicht messbar oder nachprüfbar sind.
Vernunft ist das richtige Aufnehmen und das Vermögen, das Aufgenommene zu verarbeiten und in einen Zusammenhang zu bringen. Nur echtes Fragen führt zu echten Erkenntnissen. Das sind Erkenntnisse, die uns verwandeln. Freimaurerisch ist ja der Gedanke: Wir sollen nicht bleiben, was wir sind. Und das wiederum, ohne uns auf eine alle verpflichtende Norm auszurichten. Das setzt eigenes Suchen, Fragen und Denken voraus. Vernunft als Sinnsuche.
Als geistige Kraft auf der Suche nach Sinn und gemeinschaftsstiftend ist die Vernunft ein geistiges Vermögen, dem wir heute das sinnliche Vermögen nicht unter- sondern nebenordnen.
Ja zum ganzen Menschen, zu Geist und Sinnen - und das mit Vernunft. Nicht die reine Geistigkeit oder reine Körperlichkeit, sondern sowohl das Geistige als auch das Leiblich-/Materielle verdienen unsere Wertschätzung. Wie schön ist es doch, heute vernünftig zu sein! Wir übersehen nicht die Not um uns her, aber wir sind aufgeschlossen für die Vision einer mit Vernunft und Liebe gestalteten Welt, die in jeder einzelnen von uns ihren Anfang nimmt. 
Wie wirkt sich Vernunft in unserem persönlichen Leben aus?
Im Denken: Selber denken und nicht denken lassen!
Im Handeln: In der Toleranz, denn die Toleranz ist die Forderung, die sich aus dem Selberdenken ergibt: Wie ich für mich in Anspruch nehme, selber zu denken, gestehe ich das auch der anderen zu und respektiere ihr Denken.
Im Lieben: Es ist vernünftig zu lieben. Die Aufklärung erhebt die Forderung der allgemeinen Menschenliebe.