Posts Tagged ‘Lebenskunst’

Kontakt mit Kotzbrocken - und wie war Ihr Tag?

Dienstag, Dezember 13th, 2016

Kotzbrocken

Für Menschen, die sich in unangemessener Weise äußern, gerne auch ohne jede Wertschätzung, habe ich als Kind das Wort “Kotzbrocken” gelernt. Gerade ist mir so einer begegnet. Jetzt frage ich mich, wie ich als Erwachsene und Freimaurerin in angemessener Form mit diesem Phänomen umgehe? Natürlich kommt es darauf an, in welchem Zusammenhang, in welcher sozialen Situation diese Begegnung stattfindet. Verpassen wir der Begegnung das Etikett “privat”. Mei erster Impuls folgt dem Motto “wie man in den Wald hineinruft, schallt es heraus”. Dementsprechend könnte ich mich, ohne mich jedoch selbst im Ton zu vergreifen, freundlich bestimmt zurückziehen. Hätte ich dem Kotzbrocken damit den Spiegel vorgehalten? Vielleicht würde er eine Verbindung zu seinem Verhalten erkennen, vielleicht auch nicht. Als Freimaurerin ist mir sehr bewusst, dass ich nur mich selbst verändern kann und niemanden sonst. Bedeutet das, dass ich mein Ego kontrollieren muss, dem Impuls, die Brocken hinzuschmeißen widerstehe und einfach mein Ding weitermache? Letztlich kommt es eben auch noch darauf an, worum es geht. In diesem Fall geht es um eine Unternehmung, an der viele Menschen engagiert beteiligt sind. Es bleibt eine Abwägungsfrage. Dass der Kotzbrocken mit seinem Verhalten womöglich durchkommt, daran hat mein Ego noch gewaltig zu knabbern.

(Foto: Christopher Paul / pixelio.de)

Was hat mir die Freimaurerei „gebracht“? Ein persönlicher Rückblick

Freitag, Februar 27th, 2015

Was hat mir die Freimaurerei gebracht?

Wenn ich auf die vergangenen Jahre zurückblicke, kann ich aus vollem Herzen sagen: Ich bin glücklich darüber, dass ich mich entschieden habe, Freimaurerin zu werden. Die Arbeit mit Symbolen, das Philosophieren über grundlegende ethische Fragen, die rituellen Zusammenkünfte, die Auseinandersetzung mit Sichtweisen, die mir bis dahin fremd waren, haben im Laufe der Zeit mein Leben verändert. Ich habe gelernt, wie ich in verschiedenen Situationen “ticke” und was daran ausbaufähig oder veränderungswürdig ist. Ich habe gelernt und lerne immer wieder und immer noch, dass meine ganz persönliche Sicht nicht gleich der Weisheit letzter Schluss ist. Ich habe erlebt, dass es möglich ist, mit unterschiedlichen Menschen, die völlig verschiedene Erfahrungen, Fähigkeiten und Wissensschätze mitbringen, konstruktiv zusammen zu arbeiten. Ich habe gelernt, gemeinsam mit meinen Schwestern, Regeln und Strukturen zu schaffen, mit ihnen und an ihnen zu wachsen und sie gemäß den immer wieder neuen Anforderungen auch moderat zu verändern. Ich habe gelernt, meine Grenzen anders zu ziehen - sie sind bei manchen Themen sehr viel weiter, bei anderen durchaus auch enger geworden. (Ich gestehe anderen viel mehr Individualität und Anderssein zu als früher, aber ich gehe sorgfältiger mit meiner Zeit um und verschwende sie nicht mehr für etwas, was ich im Grunde gar nicht will.) Ich erlebe die Loge als einen Schutzraum und als Experimentierfeld, als Arbeits- und Übungsstätte und als Erholungsort, als intellektuelle und emotionale Bereicherung und Herausforderung, als Trainingsort für Toleranz und Redlichkeit, für Mitmenschlichkeit und geistige Klarheit, für Tradition und Fortschritt. Ich will das alles in meinem Leben nicht mehr missen. Und das besonders Schöne ist: All die “Einsichten”, die ich gewonnen habe, hat mir keiner eingetrichert, hat mich niemand schulmeisterlich gelehrt. Die Veränderungen in Verhalten und Lebensstil, Denkungsart und Haltung, zu denen ich mich entschlossen und die ich geübt und ausgebaut habe, hat mir niemand als Gebot oder Pflicht auferlegt. Ich habe sie mir in der Gemeinschaft mit anderen, im aktiven, wertschätzenden und auch reibungsvollen Miteinander ganz allmählich und ganz in meinem Tempo erschließen können. Dafür bin ich mehr als dankbar. Auch heute, 16 Jahre nach meiner Aufnahme, habe ich noch so viel zu tun, so viel Neues zu entdecken, so viel dazu zu lernen. Das hält mich auf wunderbar spannende und anregende Weise wach und lebendig.

Su lang mer noch am lääve sin

Freitag, Februar 13th, 2015

Foto: BringsJe nachdem, wo Sie sich in der Republik aufhalten, haben Sie es vielleicht nicht bemerkt: Es ist Karneval. Im Rheinland gibt es ein beliebtes Lied der Band Brings, das mich immer wieder an die Freimaurerei denken lässt: Su lang mer noch am lääve sind - so lange wir noch leben. Mit einem Klick auf das Foto können Sie reinhören. Mors certa hora incerta, der Tod ist sicher, die Stunde unsicher. Das Wissen um die Endlichkeit des Lebens ist wahrlich keine neue Erkenntnis. Und doch macht es einen Unterschied, ob wir dieses Wissen rational behandeln oder es auch mit dem Herzen wirklich verstanden haben. Dann sollte es, bei allem, was wir tun, zu einer größeren Ernsthaftigkeit im Sinne von konsequentem Handeln führen. In dem Lied drückt sich eine unbändige Lebensfreude aus. Nicht das Erschrecken vor der Endgültigkeit der Dinge bestimmt die Lebenshaltung, sondern die Freude über den Moment, die Freude darüber, dass wir jetzt leben.
Genau das ist es, was die Freimaurerin erreichen kann.

Ich bin arglos oder: Ein Plädoyer gegen permanentes Misstrauen

Sonntag, Februar 8th, 2015

Foto: Helmut J Salzer pixelio.deSeit einem Erlebnis in dieser Woche geht mir das Wort arglos nicht mehr aus dem Kopf. Es gehört nicht zu den Wörtern, die ich häufig benutze und es ist auch in letzter Zeit weder in einem Gespräch erwähnt worden, noch habe ich es gelesen. Es scheint eher das immer wieder gleiche Ergebnis einer unbewussten Selbstreflektion zu sein: Ich bin arglos. Doch ich komme ins Zweifeln: Bedeutet das nicht blauäugig, naiv, gutgläubig? Ich habe nicht den Eindruck, dass das zutrifft. Es ist eher die juristische Sicht, die passt: keinen Angriff erwartend. Warum auch? Ich lebe weder in einer Gegend der Welt, in der ich ständig fürchten muss, dass mir ein Messer vorgehalten wird, noch beschäftige ich mich mit dem Schmieden von Ränken und Intrigen und müsste deshalb erwarten, dass andere auf meine Aktionen entsprechend reagieren. Als Freimaurerin bin ich im Gegenteil von der positiv gestaltenden Kraft des aufgeklärten Menschen überzeugt. Ich möchte nicht durch mein Leben gehen und hinter jeder Ecke und bei jeder Begegnung das Schlimmste erwarten. Dieses ständige Misstrauen würde zur Folge haben, dass meine Gedanken ausschließlich negativ wären, ein wenig attraktiver Ausblick. In der Konsequenz muss ich damit klarkommen, dass mich unerfreuliche Begegnungen dann unvorbereitet treffen. Ja, ich bin arglos. Es gibt leider Menschen, deren egoistische persönliche Agenda sie auch vor hinterhältigen Attacken nicht zurückschrecken lässt, gerne verkleidet in Schlips und Kragen - und das bitte ich nicht als geschlechtsspezifische Formulierung zu verstehen. Damit gut umzugehen, angemessene Reaktionen zu finden und bei allem mir selbst und meinen Überzeugungen hinsichtlich Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Toleranz treu zu bleiben, finde ich ganz schön schwierig. Doch schwierig ist nicht unmöglich! Es wird mir gelingen.

(Foto: Helmut J Salzer, Pixelio)

Ist Freimaurerei eine Gemeinschaft?

Mittwoch, Februar 4th, 2015

Sie ist: eine Kunst, eine Lebenskunst, eine bestimmte Weise, das eigene Leben künstlerisch zu gestalten im Bewusstsein von Mit-Mensch-Sein. Freimaurerei ist ein im menschlichen Zwischen entstandenes Phänomen, aufgrund dessen sich Menschen freiwillig zusammenschließen  -  ohne Lehre und ohne Führungspersönlichkeit

Freimaurerei und die vier Jahreszeiten

Montag, Mai 19th, 2014

Die Menschwerdung startet im Lebensfrühling. Hier schon beginnt die eigentliche Arbeit am rauen Stein. Ein mühsamer Weg, über viele kleine Stufen hinauf…und manchmal auch hinab. Der junge Abenteurer reift von Stufe zu Stufe, es gilt Maß zu finden und Maß zu nehmen. Was macht den guten Menschen aus? Wir zögern, uns die Frage zu beantworten, könnte sie doch Überheblichkeit und Stolz verraten. Leichter fällt die Antwort bei der Umkehrung: Was soll ich vermeiden, anderen Schaden zuzufügen? Lass‘ anderen ihre Würde, auch, wenn sie recht einfacher Natur sind. Bleib‘ bei deiner Wahrheit, ohne zu verletzen. Verbreite Frieden, schlichte. Und sei freundlich, ohne zu heucheln… Mach es der Natur nach: Schenk‘ dem April deine Sehnsucht und dem Mai deine Wärme. Spende dem Juni dein Hoffen und dem Juli Erfüllung. Den August bedenke mit Dank, und den Frühherbstmonat September mit Demut! Alles wird dir zurückgegeben in Fülle und Überfülle. Freudig begrüßt der Meister in seiner Bauhütte den Herbst und betrachtet sein Werk: der raue Stein zeigt sich merklich bearbeitet. Einige scharfe Kanten wollen noch geglättet werden. Ein mühsames Geschäft…an sich selbst. Der Baumeister mag nicht ganz zufrieden sein mit sich, dazu ist er zu ehrlich. Doch durchstrahlt die Oktobersonne das prächtige Kathedralenfenster seines Domes. Dann kommt der Winter des Lebens, doch das Werk harrt noch der Vollendung. Mit Selbstanklage und Trauer sieht er den unfertigen Stein. Aber vielleicht darf er auch sagen: „Ich habe Wesentliches geleistet, ich habe mich bemüht, zwar ist es nie genug!“ Der Winter ist nicht nur Abschied, sondern auch Voraussetzung für einen Neubeginn, für einen Start in freies blühendes Leben. Der alte Meister legt gern sein Wissen und Können in die Hände der jungen Weggefährten. Nur die Eitelkeit darf uns nie besiegen. Das sollte die Freimaurerin auszeichnen.

Wozu Selbsterkenntnis?

Dienstag, März 18th, 2014

ICH suche mein SELBST. Die Umkehrung lautet: Mein SELBST sucht MICH. Also bin ICH die kontrollierende Instanz. Mein Selbst zu erkennen ist mein Ziel. Wenn mein Tun im Einklang mit meinen Gefühlen, Bedürfnissen und Gedanken steht, also wenn alles in meiner natürlichen Ordnungskraft passiert, dann bin ich ganz ich selbst. Nur so kann ich meine Möglichkeiten voll ausschöpfen, Mensch zu sein.
Wozu Selbsterkenntnis?
Die Gesamtheit und absolute Wahrheit meines Selbst wird für mich und andere nicht erfassbar sein. Ich darf mir maßvoll selbst ein Geheimnis bleiben. Und doch sind Klarheit und Deutlichkeit Kriterien der Wahrheit über mein Selbst. Egal, ob ich philosophisch, theologisch oder ich mein psychisches oder neurobiologisches Selbst betrachte, unsere Moderne hat uns die Chance und Last eines selbstbestimmten Lebens in Würde und Glück gegeben. Der Prozess der Individualisierung und Freiheit von religiöser, politisch-ökonomischer und sozialer Bindung, so schreibt Wilhelm Schmid, kommt einer Absolution im Sinne eines Freispruchs gleich und ermöglicht innere Freiheit. Mit der Auflösung von unnötigen gedanklichen Zusammenhängen besteht jedoch auch die Gefahr des Sinnverlusts. Nach Descartes methodischem Zweifel ist Wissen jedoch ohnehin ungewiss. Demnach besteht die Kunst des Lebens darin, mit dieser Ungewissheit umzugehen. Ich benötige eine stärkende Ausrichtung nach innen und außen. Ich gehöre zu mir und zur Gemeinschaft aller Menschen. Selbsterkenntnis ergänzt, korrigiert und gestaltet mein Lebenskonzept und seine Umsetzung.