Posts Tagged ‘Kommunikation’

Wanted: Konfrontation auf Augenhöhe!

Sonntag, Februar 5th, 2017


Beim Aufschlagen der Zeitung sprang mir neulich folgendes Zitat von Joachim Gauck ins Auge: “Heftig streiten, aber mit Respekt und mit dickem Fell.” Eine offensive, robuste Streitkultur fordert Noch-Bundespräsident Gauck in seiner Abschiedsrede - die Fähigkeit des fairen Streitens um Inhalte scheint in unserer angeblich “postfaktischen” Zeit mit ihren Verbal-Schlachten mehr und mehr abhanden zu kommen. Es ist ja auch eine Herausforderung, auf argumentative Tiefschläge nicht mit “Gegenwehr” zu reagieren, sondern stattdessen eine faire, respektvolle Konfrontation zu wagen! Der Begriff “Konfrontation” leitet sich vom lateinischen “confrontatio” ab, was soviel wie “Gegenüberstellung” bedeutet. In “confrontatio” stecken das lateinische “con” (”zusammen, mit”) und “frons” (”Stirn”) - eigentlich geht es also darum, einander “die Stirn zu bieten”: es geht um eine Gegenüberstellung “auf Augenhöhe”. Im Werkzeugkasten der freimaurerischen Symbole findet sich als Anregung zur Auseinandersetzung mit dieser Fähigkeit der Begegnung u.a. die Winkelwaage. Auf die im rituellen Wechselgespräch gestellte Frage “Wie sollen Schwestern einander begegnen?” lautet die Antwort: “Auf gleicher Ebene, auf der Winkelwaage”. Und wie kann das im Alltags-Streitgespräch - nicht nur unter Schwestern - ganz konkret aussehen? Vielleicht geht es darum, überhaupt (wieder) miteinander zu sprechen - vielleicht auch darum, (noch) mehr Mühe in klare Kommunikation zu investieren; sowohl zuzuhören als auch den eigenen Standpunkt offen zu vertreten; weniger schnell aufzugeben, wenn Auseinandersetzungen kompliziert werden; den/die Menschen hinter der Meinung nicht aus den Augen zu verlieren… Ja, das ist anstrengend. Sehr sogar. Aber wie die Alternative aussieht, und dass sie keine wirkliche Alternative ist, erleben wir gerade. In diesem Sinne: Augen auf und durch!

“Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist“

Sonntag, Juni 19th, 2016

Mir brennt da was auf der Historikerinnen-Seele. Heute sah ich auf einer Facebook-Chronik einen Post, den ich nicht teilen oder verlinken möchte, um ihm nicht noch mehr Bedeutung zu verleihen. Ich werde ihn kurz beschreiben. Sicherlich werden einige von Euch den typischen Duktus erkennen: Drei Fotos von Zeitungsausschnitten mit Berichten über sexuelle Übergriffe und/oder andere Straftaten mit (oft) jugendlichen männlichen Tatverdächtigen mit Herkunftsangaben aus dem südosteuropäischen oder arabischen Kulturraum - ohne Angabe der Quelle oder des Datums; zusammengefasst unter polemischen, von Hass und Gewalt geprägten Schlagworten (oft mit zweifelhafter Grammatik und Orthographie) - wahllos gerichtet gegen Regierungsmitglieder/-behörden und generalisiert gerichtet gegen die als Tatverdächtige genannten Menschengruppen.
Ein Post, der eklektisch drei Zeitungsartikel ohne Angabe von Daten und Namen der jeweiligen Zeitungen zusammenstellt, erregt bei mir als Historikerin insofern schon großes Unbehagen, als dass mir die Möglichkeit genommen wird, mir selbst medienkritisch eine Meinung zu bilden, die Quellen zu prüfen, gegebenenfalls zu hinterfragen und mit anderen Berichterstattungen zu vergleichen.
Ein Post, der speziell Gewaltverbrechen an Frauen als Leinwand für die eigenen Äußerungen von Rassismus, Hass und Gewalt nutzt, weckt darüber hinaus bei mir als Feministin Kritik.
Dasselbe gilt für mich als Mensch auch grundsätzlich für Posts über andere Verbrechen, die ohne Berücksichtigung der tatsächlichen Untersuchungsergebnisse unserer rechtsstaatlichen Organe einfach auf irgendeine Bevölkerungsgruppe als “Generalverdacht” übertragen werden.
Sexuelle Übergriffe und Gewalt gegen Frauen - und Männer - sind schwerwiegende kriminelle Tatbestände. Sie als Projektionsfläche für Rassismus und Hetze zu benutzen, instrumentalisiert das Leid der Opfer und hilft nicht dabei, es ernst zu nehmen oder zu verringern. Ebenso werden dadurch nicht die tatsächlichen Ursachen für derartige Verbrechen hinterfragt und auch nicht an den verschiedenen gesellschaftlichen Umständen gearbeitet, die zu ihnen geführt haben könnten.
Dass solch ein Post mit seiner generalisierten und respektlosen Botschaft von Hass, Gewalt und Menschenverachtung von Menschen aus meiner Facebook-Freundschaftsliste gedankenlos (-ich hoffe sehr, es war gedankenlos!-) weiterverbreitet wird, erschüttert mich als Mensch sehr.
Und bevor nun der Begriff “Gutmensch” herbeizitiert wird, möchte ich sagen: Ja, ich hoffe, dass ich mich in dieser schwierigen Zeit (und auch sonst) als ein “guter Mensch” beweisen kann.
Ich hoffe sehr, dass ich in diesem momentan vom Extremismus auf vielen Seiten erschütterten Europa einer der Menschen sein werde, die ihre Menschlichkeit bewahren und die Grundwerte einer humanistischen Weltsicht aufrecht erhalten und leben: Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit, Toleranz, Humanität.
Diese Werte der Aufklärung sind übrigens ganz nebenbei etwas, das auch die Autoren und Philosophen der deutschen Aufklärung maßgeblich mit geprägt haben und auf das wir daher auch als Deutsche durchaus stolz sein können. Das ist doch mal ein schöner Grund, oder? Und etwas, das sich zu verbreiten lohnt.
Die Zeit des NS-Regimes von 1933 bis 1945 hat uns so viel unserer Kultur geraubt und uns so viele Mühen gekostet, uns mit ihren Schrecken und ihren Folgen auseinander zu setzen. Und sie ist (aus meiner Sicht als Historikerin) noch nicht so lange her…
Beruflich setze ich mich seit vielen Jahren für die Auseinandersetzung mit dieser Zeit und für den Erhalt einer Erinnerungskultur ein, um dem neuen Erstarken solcher extremistischen Tendenzen entgegen zu wirken. Darum tue ich das auch hier und jetzt.
Leider wird das oft durch Hass, Hetze und Gewalt geprägte Klima in den sozialen Netzwerken durch gedankenloses Teilen solcher und ähnlicher Posts unterstützt. Dabei ist es so einfach, sie kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls zu enttarnen.
Als Techniken erweisen sich unter anderem hilfreich: Überprüfen, Hinterfragen, Informieren, Konkretisieren, Individualisieren, Vergleichen, Entemotionalisieren.
Das ist ein hoher Anspruch, aber den stelle ich in erster Linie an mich selbst und hoffe, dass ich ihm gerecht werden kann und dass auch andere Menschen ihn mit mir teilen.
Ich weigere mich, mich der Angst vor jeglichem Extremismus zu ergeben, sondern möchte allen seinen Ausprägungen mit wachem Verstand begegnen.
Erich Kästner sagte in seiner Rede am 10. Mai 1958 anlässlich des 25. Jahrestages der Bücherverbrennung: “Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen. Später war es zu spät. Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird. Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf …”
Ich hoffe, dass ich -gerade als Freimaurerin- weiterhin meinen Beitrag zum “Schneeballzertreten” leisten werde.

Wahrheitspresse contra Lügenpresse? Die neue Form der Mediengläubigkeit ist hochgefährlich

Freitag, April 29th, 2016

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„Lügenpresse“ – dieses Wort lese und höre ich in letzter Zeit oft. Offenbar meinen viele Menschen, dass die Medien in Deutschland lügen. Wenn ich genauer nachfrage, stellt sich meist heraus, dass demjenigen, der den Vorwurf erhebt, die Schlagzeile, der Artikel, der Film, der Tenor des Beitrags missfällt, weil er nicht ins eigene Weltbild passt, weil er nicht die eigene Meinung stützt. „Die sollen die Wahrheit schreiben und zeigen“ – so die Forderung. (Seltsamerweise glauben etliche dieser „Medienkritiker“ andererseits sehr schnell und ungeprüft den nachgewiesenermaßen erlogenen Geschichten von menschenfressenden Ukrainern, Streichelzoo-Ziegen verspeisenden Syrern und kreativ herbei-fantasierten Brutalo-Massenvergewaltigungen aus dubiosen Quellen und unseriösen Blogs.)
Zur Medienkompetenz gehört das Wissen darum, dass es DIE eine und einzige Wahrheit nicht gibt. Zeitungen, ein Fernsehsender, ein Wochenmagazin und die Journalistinnen oder Journalisten, die für sie arbeiten, sind nicht im Besitz der Wahrheit – und waren es nie. Sie informieren, unterhalten, kommentieren, überspitzen und interpretieren jeweils nach bestem Wissen und Gewissen und im Rahmen des Presserechts. Bei Verstößen dagegen können sie belangt werden. Es gibt konservative und progressive Medien, linke und rechte, freche und brave, ernste und satirische, und dazwischen jede Menge Abstufungen, Bunt- und Grautöne. (Randbemerkung: Die meisten halten sich ans Presserecht. Im Gegensatz zu etlichen anonym auftretenden Skandalnudeln und bis vor kurzem noch unbekannte Hetzbloggern, die teils nicht mal Grammatik und Rechtschreibung beherrschen.)
Verschiedene Medien beleuchten Problemfelder aus unterschiedlichen Blickwinkeln – mal plakativ, mal differenziert, mal zynisch mal sachlich. Aber sie geben uns nicht DIE Wahrheit. Denn – noch mal! - DIE Wahrheit gibt es nicht. Auch wenn sich viele das wünschen würden. Dass einer (!) die eine (!) Wahrheit verkünden möge, ist ein unerfüllbarer Anspruch. Wir müssen stets selber nachdenken, kritisch prüfen, vergleichend lesen, abwägen und diskutieren – am besten mit Andersdenkenden. Das übrigens tun wir Freimaurerinnen in unseren Logen auch - in Vorträgen mit anschließendem Austausch, bei Gästeabenden und internen Treffen, beim Bearbeiten aktueller Themen, in diesem Blog, der unterschiedlichste Betrachtungsweisen, Gedanken und Meinungen präsentiert.
Wir dürfen dabei nicht Behauptungen mit Fakten, nicht Meinungen mit Tatsachen, nicht Teil-Informationen mit der Gesamtwirklichkeit, nicht Prognosen und Statistiken mit Realität verwechseln. Und müssen damit rechnen, dass wir trotz sehr genauer Prüfung aller Inhalte dennoch nicht automatisch zu derselben Sichtweise kommen. Wer Medien (welcher Couleur auch immer) für die neuen Wahrheitsverkünder der Postpostmoderne hält oder dazu machen will, wer meint, dass Medien Wahrheitsverkünder sein könnten (und müssen), wenn sie doch bloß endlich nicht mehr lügen würden, offenbart damit, dass er seine Mediengläubigkeit nicht abgelegt hat. Und er bekennt sich zur Meinungsdiktatur und Gleichschaltung der Medien im Sinne der eigenen Ideologie, der eigenen Wahrheit. Wahrheitspresse contra Lügenpresse. Was dabei herauskäme? Absolutheitsanspruch, Regierungsfernsehen a la Putin und Erdogan. Staatsbosse mit Macht über Medien definieren nämlich recht genau, welche Lügen Wahrheit sind – und lassen selbstverständlich nur die Wahrheit drucken und verkünden. Zensur nennt man das. Weder in Russland noch in der Türkei können Medien so kritisch über die Regierung berichten wie in Deutschland. Seltsam, dass ausgerechnet hier, in einem Land, in dem die Pressefreiheit und die Unabhängigkeit der Medien eins der höchsten Güter und die seriöse Medienlandschaft sehr vielfältig ist, plötzlich wieder lauthals Gleichschaltung propagiert wird. Ich kann nur hoffen, dass diese Propagandisten in der Minderheit bleiben. Ich als Freimaurerin setze mich dafür ein, dass es niemals eine “Wahrheitspresse” geben wird, sondern weiterhin eine freie Presse.

Alles digital? Freimaurerei im 21. Jahrhundert

Donnerstag, März 24th, 2016

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Was ist charakteristisch für unser noch junges Jahrhundert? Und wie passt das mit Freimaurerei zusammen? In drei Beiträgen werfen wir einen Blick auf die Kapitulation vor der Komplexität, Digitalisierung und den Wandel der Arbeitswelt.

Heute Teil 2: Digitalisierung
Smartphones, Tablets und eine große Bandbreite in der Datenübertragung haben dazu geführt, dass viele Menschen heute permanent online sind. Die neuen Formen der Vernetzung bieten vielfältige individuelle und neue Möglichkeiten. Um beispielsweise mit anderen, die die gleichen Interessen teilen, in Kontakt zu sein und sich auszutauschen, muss man nicht mehr unbedingt das Haus verlassen.
Das führt u. U. zu einer Vereinzelung, der Mensch ist mit sich und seinem Gerät allein, statt mit anderen im persönlichen Gespräch. Ein Bild, das jeder kennt, sind die Restaurantbesucher, die gemeinsam am Tisch sitzen und jeweils alleine für sich in ihr Handy schauen.
Auch die Mediennutzung hat sich durch die Digitalisierung verändert. Das Fernsehen war bis vor wenigen Jahrzehnten noch Zentrum für kollektive Erlebnisse, “Straßenfeger” wurden die Sendungen genannt, vor denen sich die Mehrheit der Bevölkerung zeitgleich versammelte. Außer vielleicht bei Fußballgroßereignissen spielt das Fernsehen diese Rolle heute nicht mehr. Medien machen, also Informationen und Meinung veröffentlichen, kann technisch heute jeder. Ob jeder auch Gehör findet, ist eine andere Sache. Die Technik hat hier die Politik rasant überholt. Die Festlegungen in Rundfunkstaatsvertrag und Landesmediengesetzen bilden die Realität schlicht nicht mehr ab, die politischen Gestalter reagieren mit ständig neuen Novellen bestehender Regelungen nur noch.
Wie wirkt sich die Digitalisierung auf die Freimaurerei aus?
Für die Freimaurerei wirkt die Digitalisierung demokratisierend. Über das Internet können Interessierte Informationen zu Logen erhalten und Kontakt knüpfen, selbst wenn sie selbst keinen Freimaurer persönlich kennen. Das war früher viel schwieriger. Dem Ziel, vielen Frauen die Möglichkeit zur freimaurerischen Arbeit zu eröffnen, können wir so heute viel eher gerecht werden. Logen machen keine Werbung im herkömmlichen Sinne, sie wollen vielmehr gefunden werden und das ist heute leichter als jemals zuvor.
Bei unseren Treffen wiederum üben wir das aufmerksame Miteinander. Handys bleiben in der Tasche, der Alltag bleibt draußen. Gerade in einer Zeit permanenter Erreichbarkeit und Aufmerksamkeit ist dies für viele Schwestern eine Wohltat.
Die Digitalisierung ermöglicht uns zugleich neue Formen der Kommunikation. Als Beispiel möchte ich den Blog FrauMaurer erwähnen, ein Experiment, bei dem jede Schwester unseres Bundes Texte beitragen und veröffentlichen kann, in der Kür mit einer folgenden inhaltlichen Diskussion mit Leserinnen und Lesern in über die integrierte Kommentarfunktion.
Dieser Blog hat auch in anderer Hinsicht Charme. Freimaurerinnen fühlen sich der Freiheit, Toleranz, Humanität, Gleichheit und Freiheit verpflichtet - haben jedoch zu vielen Themen vollkommen unterschiedliche Meinungen. Es gibt nicht “die Haltung” zu politischen und gesellschaftlichen Sachverhalten, sofern sie über die genannten Grundprinzipien hinausgeht. Daher gibt es kaum Veröffentlichungen und Statements “der Freimaurerinnen”. Der Blog FrauMaurer wird auch an dieser Stelle der Vielfalt gerecht.

In Teil 3 wird es um den Wandel der Arbeitswelt gehen.

Was wäre, wenn…

Donnerstag, Dezember 17th, 2015

…. wir öfter mal würdigen, was andere leisten?
Jeder Mensch sucht nach Sinn und sinnvoller Tätigkeit, möchte gebraucht werden, sehnt sich nach Anerkennung, Zuspruch und Ermutigung. Jeder Mensch braucht das für sein Selbstwertgefühl, sein Selbstbewusstsein, sein Wohlbefinden. In der heutigen Arbeitswelt ist jedoch die Wahrscheinlichkeit, nach Fehlern kräftig abgekanzelt zu werden, meist größer als die, nach guter Leistung echtes Lob zu erhalten. Mal ganz abgesehen davon, dass immer mehr Menschen von Arbeit und damit auch von gesellschaftlicher Teilhabe abgeschnitten sind und sich allein dadurch wertlos, unproduktiv, überflüssig und unglücklich fühlen. Ich habe beim Einsatz für Flüchtlinge in „meiner“ Stadt beobachtet, dass viele Menschen diese Anerkennung, dieses Gebrauchtwerden, dieses sinnvolle Tätigsein im Ehrenamt erleben oder zu erleben versuchen und dass sie – je nachdem, wie es gelingt und „ankommt“ bzw. „verpufft“ – dadurch glücklicher oder noch unglücklicher werden. Vor ein paar Monaten traf mich dann in einer besinnlichen Minute mit voller Wucht die Erkenntnis, dass sich das genauso auch auf unsere Logen übertragen lässt. Wie oft mäkeln wir aneinander herum? Wie oft sind wir unachtsam und nehmen die Leistung der anderen gar nicht wahr, wie oft würdigen wir sie herab? Und wie lässt sich das ändern? Nun – wie so Vieles: Indem man bei sich selbst beginnt!
Mein kleiner Beitrag für mehr Glück und Zufriedenheit, einfach mal so, zum Jahreswechsel: „Wertschätzungs“-Karten. Ich habe jeder Schwester geschrieben, was ich an ihr „schätze“, was ich an Beiträgen und Handlungen ich im vergangenen Jahr als besonders toll und gelungen empfunden und erlebt habe, was mir aufgefallen ist. Und siehe da: Bei der Auflistung wurde mir klar, dass ich jeder einzelnen dieser höchst unterschiedlichen Freimaurerinnen aus vollem Herzen sagen kann: Du bist ein wunderbarer Mensch mit großartigen Fähigkeiten und Begabungen! Mein Vorsatz für 2016: Ich will auch weiterhin innerhalb und außerhalb der Loge mehr darauf achten, was jede einzelne in die Gemeinschaft einbringt und sie darin bestärken und ermutigen. Denn jede einzelne ist von unschätzbarem Wert und ist es allein deshalb wert, gehörig wertgeschätzt zu werden.

Sprücheklopfen gilt nicht: Gute Argumentation ist gefragt

Freitag, Oktober 2nd, 2015

Deutschland ist ein säkulares Land des Pluralismus und der Toleranz. Hier gilt ein ziemlich gutes Grundgesetz, in dem Frauen und Männer gleichberechtigt sind, die Würde des Menschen unantastbar ist und seine Rede- und Glaubensfreiheit garantiert wird. Wenn einige unserer Gäste das nicht wissen und nicht kennen oder nicht verstehen oder gar ablehnen, dürfen wir nicht müde werden, das immer wieder gut zu erklären: auf zugewandte, ruhige und unmissverständliche Weise, mit überzeugenden Argumenten und Begründungen. Vielleicht lernen wir dabei, unsere freiheitlichen und demokratischen Werte selbst wieder mehr zu schätzen, weil wir sie plötzlich beschreiben und erläutern müssen. Das ist eine Chance für uns: Zu etwas zu stehen, was uns selbstverständlich schien und dafür zu sorgen, dass andere, denen das (noch) fremd ist, es verstehen lernen. Sprücheklopfen, Fäusteballen und Schimpfen, Kopfschütteln und Sich-Abwenden hilft da nicht viel; es ist die eher sanfte Macht des Wortes und der positiven Haltung, die freundliche Macht der wohlwollenden, aber auch klaren Kommunikation, die liebevolle und nachsichtige Macht der Geduld, auch die weiche Macht der Wiederholung, die überzeugen kann. Ich bin zuversichtlich - trotz aller Schwierigkeiten und vielleicht auch trotz einiger, die sich als resistent dogmatisch erweisen werden, halte ich es für möglich, dieses große Zukunfts-Projekt zu meistern.

Bitte fair bleiben

Dienstag, Juni 2nd, 2015


In kontroversen Diskussionen, bei Meinungsverschiedenheiten kommt es häufig vor, dass Gesprächsteilnehmer die Ebenen wechseln. Statt zu argumentieren und weitere Argumente zu finden, sagen sie plötzlich Sätze wie: Du betreibst bloß Selbstdarstellung. Das machst Du nur aus Geltungssucht. Du willst bloß manipulieren/angeben. Du bist immer so dominant, so laut, so leise, so ernst, so nervig usw. Auf einmal gleitet das Gespräch über eine Sache in persönliche Anwürfe ab und führt zum Urteil über eine Person, zur pauschalisierenden Charakterisierung eines Menschen. So etwas kann in jeder Gruppe passieren. Wir Logen haben uns den konstruktiven Diskurs und Achtsamkeit auf die Fahnen geschrieben (was aber nicht heißt, dass es immer vortrefflich gelingt. Auch wir sind ja nur Menschen, die sich mal erfolgreich und mal vergeblich bemühen).
Solche persönlichen Attacken bedürfen keiner weiteren Begründung, keiner weiteren Argumente. Sie dienen dazu, das Gegenüber zu beschädigen, seine Integrität in Frage zu stellen. Durch solche verbalen Pauschalangriffe soll der “Gegner” - in Ermangelung von Sach-Argumenten - in ein schlechtes Licht gerückt, klein gemacht, in Verruf gebracht werden. Es ist der Versuch, ein Publikum dazu zu bringen, die Glaubwürdigkeit des Gegners anzuzweifeln. Wenn Person X eine andere Person Y noch mehr schaden will, sagt sie: ” Tja, Y hat ja immer schon ein schwieriges Verhältnis zu ihrer Mutter gehabt.” - “Kein Wunder, Y ist ja Einzelkind, Hausfrau, aus reichem/armem Hause, guck doch mal, was für ein Auto sie fährt.” - “Du, ich hab gehört, Y hat Geldprobleme, kein Wunder, dass sie jetzt so verbiestert ist.” All das sind Unterstellungen, Vorurteile, an Verleumdung grenzende Mutmaßungen. So etwas bei Meinungsverschiedenheiten ins Feld zu führen und auszubreiten, halte ich für unredlich, für unfair.
Solch “verunglückte” Kommunikation entsteht, wenn Menschen, sich ärgern, unsicher sind, sich unterlegen fühlen, sich aber um jeden Preis durchsetzen und siegen wollen - es ist also verständlich, dass wir gelegentlich so (blöde) sind. Aber wir Freimaurerinnen sollten es nicht dabei belassen, sondern gegensteuern. Wir haben den Anspruch, uns um ehrliche Auseinandersetzung in gegenseitigem Respekt und auf gleicher Ebene zu bemühen. Wenn wir uns also selbst und wenn wir andere immer wieder mal daran erinnern, schaffen wir eine Atmosphäre, in der echter Diskurs möglich wird: Sachlich, einander zugewandt, offen, ehrlich und vertrauensvoll.

(Bild: Peter Hebgen, Pixelio)

Die freimaurerische Arbeit als perfekte Kommunikation

Donnerstag, März 19th, 2015

Wenn Menschen interagieren, kommunizieren sie. Einen großen Anteil haben unsere Körpersprache und Mimik, die Sprache kommt hinzu. Kürzlich gab es in meiner Loge einen öffentlichen Vortragsabend mit dem Thema Kommunikation. Die Rednerin wechselte zwischen Theorie und sehr anschaulichen praktischen Beispielen. Am deutlichsten und unterhaltsamsten sind natürlich die Szenen, in denen Kommunikation total misslingt.
In ihrem Resümee beantwortete sie dann eine zuvor selbstgestellte Frage: Perfekte Kommunikation? Das sei für sie die freimaurerische Arbeit. Denn in der freimaurerischen Arbeit machten wir keine Fehler in der Kommunikation.
Das hat mich umgehauen. So habe ich das noch nie gesehen! Natürlich: Das, was häufig Grund ist für missratene Kommunikation, ist in der freimaurerischen Tempelarbeit ausgeschaltet. Jede kennt ihre Rolle und die Rolle der anderen und jede weiß, worum es geht. Wir wissen, warum wir da sind und was geschieht.
Daraus lässt sich ableiten, dass wir in der freimaurerischen Arbeit jeden Monat erleben, dass Kommunikation gelingen kann. Damit wäre sie ein positives Beispiel für alle anderen Veranstaltungen in der Loge, wie Schwesterntreffen, Instruktionen oder Vortragsabende - und zugleich der Beweis, dass sich das Bemühen lohnt. 

(Foto: Tim Reckmann, Pixelio)

Einstimmigkeit heißt nicht Konsens

Donnerstag, Januar 29th, 2015

Einstimmigkeit heißt nicht KonsensWas denken Sie, wenn eine Abstimmung einstimmig ausgeht? Zur uneingeschränkten Freude besteht in vielen Fällen, so meine ich, kein Grund. Ein Beispiel: Kürzlich bekamen die Teilnehmer einer Sitzung, auch ich, wenige Stunden vor der Veranstaltung einen Berg an Unterlagen zugeschickt. Ich bin sicher: kaum jemand hatte die Zeit, die Papiere zu lesen. Die Abstimmung über das dort behandelte Thema ging jedoch einstimmig aus. Ich habe auch dafür gestimmt, obwohl ich die Dokumente zuvor nur grob überflogen hatte. Mein (innerliches) Argument in diesem Fall war Vertrauen in den Vorsitzenden. Ist das ein gutes Zeichen? Besser jedenfalls als der zweite mögliche Grund: Gleichgültigkeit.
Nicht für den geschilderten Fall zutreffend, aber ebenso denkbar: Es gibt für die Teilnehmer keine Möglichkeit zur differenzierten Diskussion oder es herrscht schlicht ein Klima, in dem Diskussionen und eine Vielfalt der Meinungen nicht erwünscht sind.
Auch in der Loge gibt es Abstimmungen und auch hier gibt es bisweilen Einstimmigkeit. Das kann sehr erhebend sein, wenn wir feststellen, dass wir nach ausführlicher Erörterung zu wichtigen Fragen als Gruppe einen ehrlichen Konsens haben. Grundsätzlich sollte es uns kurz innehalten und nachdenken lassen. Wir sind eine Gemeinschaft von sehr verschiedenen Individuen und haben sehr verschiedene Ansichten und Erfahrungen. Wer Verantwortung übernimmt, sollte zumindest in sich hineinhören und prüfen, wie sich diese Einstimmigkeit anfühlt und sich dann, wenn Grund dazu besteht, ehrlich freuen.

(Foto: Sabine Koriath, Pixelio)

Zum Jahreswechsel: Was es braucht, damit ein Vorhaben gelingt?

Dienstag, Dezember 30th, 2014

Wie jedes Mal zwischen Weihnachten und Neujahr widme ich mich der Ablage. Erst mit Widerwillen, dann, währenddessen, bin ich wieder und wieder erstaunt, was sich alles zwischen Rechnungen und sonstigen Papieren findet. Diesmal ist es ein Zettel mit der Überschrift “Viele Perspektiven sind wichtig, damit ein Vorhaben gelingen kann.” Es ist eine Gleichung, eine Addition. Das Ergebnis von sechs Summanden ist ein toller Prozess:

Vision + Kenntnisse + Anreiz + Ressourcen + Kommunikation + Vorgehen = gelungenes Vorhaben.

Doch fehlt auch nur einer der Summanden, so geht etwas schief: Fehlt die Vision, entsteht Verwirrung. Fehlen Kenntnisse oder Fertigkeiten, herrscht Missstimmung. Gibt es keinen Anreiz für eine Sache, so resultiert ein Geschwindigkeits- und Qualitätsverlust. Fehlende Ressourcen wiederum erzeugen Frustration. Zu wenig Kommunikation bringt Unsicherheiten und Zweifel. Und schließlich: ist kein konkretes Vorgehen festgelegt, so entstehen Zufallsaktivitäten. Ich habe manche Situation vor Augen und denke, an dieser einfachen Gleichung ist eine Menge dran!
Alle diese Mängel sind sachlich erfassbar und behebbar. Das, was sie erzeugen, sind Emotionen. Und die wiederum sind nicht mehr auf der Sachebene aus der Welt zu schaffen. Dabei wäre es in vielen Situationen vielleicht hilfreich, sich dem Kern zu nähern, wenn ich bei mir oder bei anderen eine der beschriebenen Emotionen wahrnehme. Ich nehme mir vor, mir diese Gleichung einzuprägen. Damit hätte ich der lästigen Ablage auch in diesem Jahr etwas Gutes abgewonnen. Auf ein glückliches Neues Jahr!