Posts Tagged ‘Glauben’

Religion ist Privatsache – oder: Die „Alten Pflichten“ sind nicht das Evangelium

Mittwoch, Juni 15th, 2016

image

„Freimaurer müssen zwingend gläubig sein“, Freimaurerei setzt den Glauben an ein höheres Wesen oder an etwas Göttliches voraus.“ – solche Sätze höre und lese ich oft, auch in den einschlägigen facebook-Gruppen. Und zur Begründung der oft sehr kategorisch vorgetragenen „Basta“-Aussagen in Sachen Glaubenspflicht folgt oft und gern der Rückbezug auf Schriften eines gewissen Anderson von 1723, auf die so genannten „Alten Pflichten“. Der Mann hat damals eine Art Hausordnung, ein großes Regelwerk für Logen geschrieben. Vor knapp dreihundert Jahren war das offenbar notwendig – und es war fortschrittlich und klug, zeitgemäß und passend; auch heute noch gibt es Hausgesetze oder Logenordnungen, die vereinbarte Regeln festhalten. Die „Alten Pflichten“ wurden aber leider so berühmt und mit der Zeit so glorizfiert, dass sie für viele auch heute noch das Evangelium zu sein scheinen, dem buchstabengetreu Folge zu leisten ist. Ich halte das für einen großen Fehler. Die Haltung, dass ausgerechnet dieser Text auf ewig und wortwörtlich zu gelten habe, ist ein Rücksprung in vormoderne Zeiten und wirkt so fundamentalistisch und rückwärtsgewandt wie die Fundamentalismen mancher Bibel- oder Koran-Eiferer. Wir wissen heute, dass heilige Bücher der Religionen, politische Essays, Gesetzessammlungen, ja selbst wissenschaftliche Forschungsergebnisse ebenso wie die so genannten Alten Pflichten Andersons nur im historischen Gesamtkontext verständlich, schlüssig und gültig sind und zu gegebener Zeit fortgeschrieben, verändert und weiter entwickelt werden (müssen). Denn mit der Zeit tun sich neue, andere, breitere Wissens- und Erfahrungshorizonte auf. Ein moderner aufgeklärter Mensch weiß, dass auch Menschen ohne religiösen Glauben, ohne den Glauben an Göttliches oder göttliche Lenkung ethisch und moralisch handeln und sich ernsthaft mit Ethik und Humanismus auseinandersetzen können. Und er weiß, dass auch Menschen mit religiösem Glauben extremistisch, gewalttätig, zwanghaft und rechthaberisch sein können. Ein moderner aufgeklärter Mensch weiß, dass die Existenz Gottes weder bewiesen noch widerlegt werden kann. Insofern ist es logisch und richtig, wenn Menschen in der Postmoderne sich frei entscheiden, ob sie an Gott oder Göttliches glauben oder nicht – und die jeweils andere Entscheidung respektieren. Die automatische Koppelung der Freimaurerei an einen wie auch immer gearteten Glauben aber ist überholt. Manche Freimaurerinnen in unseren Logen glauben, sind sogar in Kirchen aktiv, manche glauben nicht und haben mit Religionen nichts zu tun. Das spielt bei uns keine Rolle. Ich meine, dass in der humanitären Freimaurerei religiöse Glaubensbekenntnisse generell kein Auswahl- und kein Ausschlusskriterium sein sollten. Einzig wichtig ist, dass Menschen, die in unseren Bund eintreten möchten, sich mit Toleranz, Humanität, Selbsterkenntnis und Wohlwollen, mit Liebe, Freiheit und Frieden identifizieren können und dazu beitragen möchten, dass sich diese Werte im Miteinander besser entfalten können. Was nicht zu uns passt, sind u.a. Menschenverachtung, Fanatismus, Egozentrismus, Hass, Gewalt und Zwang – ob mit oder ohne Gott.