Posts Tagged ‘Diskurs’

Freimaurerei im 21. Jahrhundert, Kapitulation vor Komplexität

Montag, März 21st, 2016

komplexitat
Toleranz, Humanität, Brüderlichkeit sind in dieser Form während in der Zeit der Aufklärung formuliert worden. Allgemeines Handlungsprinzip sind sie auch heute mitnichten. Jeder Mensch muss für sich selbst Erkenntnisse gewinnen und wird diese dann, wenn er überhaupt so weit kommt, in seinem Leben umsetzen.
Richten wir den Blick auf unsere Zeit. Was ist schon heute charakteristisch für das noch junge 21. Jahrhundert? Was hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert?
Ich sehe drei wesentliche Themenfelder: Kapitulation vor der Komplexität, Digitalisierung und Wandel der Arbeitswelt.

FrauMaurer wird diese Felder in drei Beiträgen genauer unter die Lupe nehmen und jeweils auch den freimaurerischen Blickwinkel prüfen. Wir beginnen mit der

Kapitulation vor Komplexität
Die Welt erscheint heute so eng verwoben, wie noch nie, alle hängen mit allen zusammen, alles hängt mit allem zusammen. Sei es die Finanz- oder Schuldenkrise, Kriege, in deren Folge so viele Flüchtlinge wie noch nie seit dem 2. Weltkrieg, ethnische und weltanschauliche Konflikte, Umweltkatastrophen, alles erscheint so gewaltig, schwierig und komplex und es bieten sich keine einfachen Lösungen an. Es gibt sie schlicht nicht. Zugleich erreicht uns dies alles in Echtzeit, auf allen Kanälen. Was tun? Es scheint, als würde die Realität die Menschen mutlos machen und überfordern. In der Konsequenz wird pauschalisiert und nach Sündenböcken gesucht. Irgendjemand muss doch Schuld sein!
Als Freimaurerin bemühe ich mich um Wissen und das Kennenlernen neuer Perspektiven. Das zentrale Mittel ist der Diskurs. Die Welt wird hinterfragt, Pauschalisierungen vermieden. Mit dieser Haltung sind wir eher in der Lage, den leichten Versuchungen zu widerstehen. Die Welt wird dadurch nicht einfacher, doch der aufgeklärte Umgang mit der Welt nimmt die Ohnmacht, die so leicht den Geist blockiert und den Menschen engstirnig und engherzig macht. Durch die in der Loge eingeübte Haltung verschafft die Freimaurerei den Schwestern so indirekt Orientierung in einer unübersichtlichen Welt.

Nächster Beitrag: Digitalisierung

(Bild: Dieter Schütz, Pixelio)

Wie geht Diskurs oder: Wann ist ein Thema „durch“?

Freitag, Oktober 24th, 2014

„Boah, nee, nicht schon wieder!“ – Maria verzieht das Gesicht und macht eine abwehrende Handbewegung. Das Thema kennt sie. Und sie hasst es, weil es Unruhe bringt. Wir hatten im Freundeskreis darüber diskutiert, vor etwa einem Jahr. Nein, eine Diskussion war es eigentlich nicht. Es war ein kurzer und heftiger Schlagabtausch. Meinungen prallten aufeinander, ungebremst und wüst, bis jemand das Thema wechselte. Zur echten Auseinandersetzung, zum Austausch von Argumenten war es gar nicht erst gekommen. Auch ein Jahr später ist es uns nicht möglich, darüber zu sprechen. Ein ganz beliebter Satz zur Rechtfertigkeit dieser Abwehrhaltung ist: „Das Thema hatten wir schon.“ Oder: „Das Thema ist durch.“ Für den Fall, dass es sich um zentrale Themen handelt, die für eine Gruppe konstitutiv sind, kann das der Anfang vom Ende sein. Sprachlosigkeit und Konfliktvermeidung führt dann allzu schnell ins Unbehagen und ins Leere.
So ist es in vielen Gruppen, leider. Wenn es mal richtig gekracht hat, ducken sich die meisten weg. Dann laviert man akrobatisch um die Klippe herum, kehrt das Problem umständlich oder harsch unter den Teppich, schleppt aber dennoch allerlei Ärger und Ressentiments mit sich herum, was sich spürbar auf die allgemeine Stimmung auswirkt. Das passiert auch in Logen, auch unter Freimaurerinnen. Aber: Wir haben immerhin den Anspruch, in einen Diskurs zu treten und sind bereit, es immer wieder zu versuchen. Wir halten den Diskurs – das gemeinsame Nachdenken über schwierige Fragen mit der Bereitschaft, die Sichtweise der jeweils anderen kennen- und verstehen zu lernen und offen zu sein gegenüber neuen Fakten und Informationen – für dringend notwendig. Und wir wissen, dass wir uns mitunter über einen längeren Zeitraum hinweg mit einem Thema beschäftigen müssen, gerade dann, wenn es so wichtig und so kontrovers ist. Denn gerade dann kann es geschehen, dass durch wiederholtes Betrachten, Beleuchten und Ausloten plötzlich Neues aufblitzt, eine andere Erkenntnis aufleuchtet, ein Missverständnis (Kommunikation ist schwierig!) sich aufklärt, jede von uns etwas dazulernt.
Es reicht nicht, dass wir uns ein- oder zweimal gegenseitig Meinungsbrocken an den Kopf werfen und dann wütend auseinander gehen – jede mit ihrer Maximalforderung und dem festen Bewusstsein, nur sie habe Recht. Das wäre der Beginn eines Kleinkriegs, der ganz sicher nicht zu einem guten Miteinander beiträgt. Was wir brauchen und lernen sollten, ist die suchende und tastende, die achtsame und intensive, die kluge und mit Erfahrung und Wissen angereicherte Auseinandersetzung in gegenseitiger Ergänzung und gegenseitigem Respekt.
Immer schaffen wir das nicht. Wir sind ja keine Heiligen. Aber wir sind auf dem Weg.