Wahrheitspresse contra Lügenpresse? Die neue Form der Mediengläubigkeit ist hochgefährlich

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„Lügenpresse“ – dieses Wort lese und höre ich in letzter Zeit oft. Offenbar meinen viele Menschen, dass die Medien in Deutschland lügen. Wenn ich genauer nachfrage, stellt sich meist heraus, dass demjenigen, der den Vorwurf erhebt, die Schlagzeile, der Artikel, der Film, der Tenor des Beitrags missfällt, weil er nicht ins eigene Weltbild passt, weil er nicht die eigene Meinung stützt. „Die sollen die Wahrheit schreiben und zeigen“ – so die Forderung. (Seltsamerweise glauben etliche dieser „Medienkritiker“ andererseits sehr schnell und ungeprüft den nachgewiesenermaßen erlogenen Geschichten von menschenfressenden Ukrainern, Streichelzoo-Ziegen verspeisenden Syrern und kreativ herbei-fantasierten Brutalo-Massenvergewaltigungen aus dubiosen Quellen und unseriösen Blogs.)
Zur Medienkompetenz gehört das Wissen darum, dass es DIE eine und einzige Wahrheit nicht gibt. Zeitungen, ein Fernsehsender, ein Wochenmagazin und die Journalistinnen oder Journalisten, die für sie arbeiten, sind nicht im Besitz der Wahrheit – und waren es nie. Sie informieren, unterhalten, kommentieren, überspitzen und interpretieren jeweils nach bestem Wissen und Gewissen und im Rahmen des Presserechts. Bei Verstößen dagegen können sie belangt werden. Es gibt konservative und progressive Medien, linke und rechte, freche und brave, ernste und satirische, und dazwischen jede Menge Abstufungen, Bunt- und Grautöne. (Randbemerkung: Die meisten halten sich ans Presserecht. Im Gegensatz zu etlichen anonym auftretenden Skandalnudeln und bis vor kurzem noch unbekannte Hetzbloggern, die teils nicht mal Grammatik und Rechtschreibung beherrschen.)
Verschiedene Medien beleuchten Problemfelder aus unterschiedlichen Blickwinkeln – mal plakativ, mal differenziert, mal zynisch mal sachlich. Aber sie geben uns nicht DIE Wahrheit. Denn – noch mal! - DIE Wahrheit gibt es nicht. Auch wenn sich viele das wünschen würden. Dass einer (!) die eine (!) Wahrheit verkünden möge, ist ein unerfüllbarer Anspruch. Wir müssen stets selber nachdenken, kritisch prüfen, vergleichend lesen, abwägen und diskutieren – am besten mit Andersdenkenden. Das übrigens tun wir Freimaurerinnen in unseren Logen auch - in Vorträgen mit anschließendem Austausch, bei Gästeabenden und internen Treffen, beim Bearbeiten aktueller Themen, in diesem Blog, der unterschiedlichste Betrachtungsweisen, Gedanken und Meinungen präsentiert.
Wir dürfen dabei nicht Behauptungen mit Fakten, nicht Meinungen mit Tatsachen, nicht Teil-Informationen mit der Gesamtwirklichkeit, nicht Prognosen und Statistiken mit Realität verwechseln. Und müssen damit rechnen, dass wir trotz sehr genauer Prüfung aller Inhalte dennoch nicht automatisch zu derselben Sichtweise kommen. Wer Medien (welcher Couleur auch immer) für die neuen Wahrheitsverkünder der Postpostmoderne hält oder dazu machen will, wer meint, dass Medien Wahrheitsverkünder sein könnten (und müssen), wenn sie doch bloß endlich nicht mehr lügen würden, offenbart damit, dass er seine Mediengläubigkeit nicht abgelegt hat. Und er bekennt sich zur Meinungsdiktatur und Gleichschaltung der Medien im Sinne der eigenen Ideologie, der eigenen Wahrheit. Wahrheitspresse contra Lügenpresse. Was dabei herauskäme? Absolutheitsanspruch, Regierungsfernsehen a la Putin und Erdogan. Staatsbosse mit Macht über Medien definieren nämlich recht genau, welche Lügen Wahrheit sind – und lassen selbstverständlich nur die Wahrheit drucken und verkünden. Zensur nennt man das. Weder in Russland noch in der Türkei können Medien so kritisch über die Regierung berichten wie in Deutschland. Seltsam, dass ausgerechnet hier, in einem Land, in dem die Pressefreiheit und die Unabhängigkeit der Medien eins der höchsten Güter und die seriöse Medienlandschaft sehr vielfältig ist, plötzlich wieder lauthals Gleichschaltung propagiert wird. Ich kann nur hoffen, dass diese Propagandisten in der Minderheit bleiben. Ich als Freimaurerin setze mich dafür ein, dass es niemals eine “Wahrheitspresse” geben wird, sondern weiterhin eine freie Presse.

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2 Responses to “Wahrheitspresse contra Lügenpresse? Die neue Form der Mediengläubigkeit ist hochgefährlich”

  1. Danke! Ich persönlich mag das Wort Lügenpresse überhaupt nicht. Es liegt an einem selbst was man liest und was man daraus zu lesen glaubt. Jeder Mensch hat eine andere Weltanschauung und jeder (freie) Journalist seine eigene Vorstellung von Wahrheit. sagt:

    Danke!

    Ich persönlich mag das Wort Lügenpresse überhaupt nicht.

    Es obliegt jedem selbst was er liest und was er daraus zu lesen glaubt. Jeder Mensch hat eine andere Weltanschauung und der (freie) Journalist seine eigene Vorstellung von Wahrheit.

  2. Karola sagt:

    Nur ein Wort: Bravo!
    Und ein Wunsch: Bitte mehr davon!

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