Archive for the ‘Freigeist’ Category

Bitte fair bleiben

Dienstag, Juni 2nd, 2015


In kontroversen Diskussionen, bei Meinungsverschiedenheiten kommt es häufig vor, dass Gesprächsteilnehmer die Ebenen wechseln. Statt zu argumentieren und weitere Argumente zu finden, sagen sie plötzlich Sätze wie: Du betreibst bloß Selbstdarstellung. Das machst Du nur aus Geltungssucht. Du willst bloß manipulieren/angeben. Du bist immer so dominant, so laut, so leise, so ernst, so nervig usw. Auf einmal gleitet das Gespräch über eine Sache in persönliche Anwürfe ab und führt zum Urteil über eine Person, zur pauschalisierenden Charakterisierung eines Menschen. So etwas kann in jeder Gruppe passieren. Wir Logen haben uns den konstruktiven Diskurs und Achtsamkeit auf die Fahnen geschrieben (was aber nicht heißt, dass es immer vortrefflich gelingt. Auch wir sind ja nur Menschen, die sich mal erfolgreich und mal vergeblich bemühen).
Solche persönlichen Attacken bedürfen keiner weiteren Begründung, keiner weiteren Argumente. Sie dienen dazu, das Gegenüber zu beschädigen, seine Integrität in Frage zu stellen. Durch solche verbalen Pauschalangriffe soll der “Gegner” - in Ermangelung von Sach-Argumenten - in ein schlechtes Licht gerückt, klein gemacht, in Verruf gebracht werden. Es ist der Versuch, ein Publikum dazu zu bringen, die Glaubwürdigkeit des Gegners anzuzweifeln. Wenn Person X eine andere Person Y noch mehr schaden will, sagt sie: ” Tja, Y hat ja immer schon ein schwieriges Verhältnis zu ihrer Mutter gehabt.” - “Kein Wunder, Y ist ja Einzelkind, Hausfrau, aus reichem/armem Hause, guck doch mal, was für ein Auto sie fährt.” - “Du, ich hab gehört, Y hat Geldprobleme, kein Wunder, dass sie jetzt so verbiestert ist.” All das sind Unterstellungen, Vorurteile, an Verleumdung grenzende Mutmaßungen. So etwas bei Meinungsverschiedenheiten ins Feld zu führen und auszubreiten, halte ich für unredlich, für unfair.
Solch “verunglückte” Kommunikation entsteht, wenn Menschen, sich ärgern, unsicher sind, sich unterlegen fühlen, sich aber um jeden Preis durchsetzen und siegen wollen - es ist also verständlich, dass wir gelegentlich so (blöde) sind. Aber wir Freimaurerinnen sollten es nicht dabei belassen, sondern gegensteuern. Wir haben den Anspruch, uns um ehrliche Auseinandersetzung in gegenseitigem Respekt und auf gleicher Ebene zu bemühen. Wenn wir uns also selbst und wenn wir andere immer wieder mal daran erinnern, schaffen wir eine Atmosphäre, in der echter Diskurs möglich wird: Sachlich, einander zugewandt, offen, ehrlich und vertrauensvoll.

(Bild: Peter Hebgen, Pixelio)

Unfall mit Lerneffekt

Samstag, März 14th, 2015


Unterwegs auf der A 2. Im Regen. Zum Glück nicht besonders eilig. Und doch erwischt es uns. Es ist die klassische Situation, die keiner will, die aber dennoch fast alltäglich ist: Vor uns entwickelt sich ziemlich plötzlich ein Stau. Wir müssen kräftig bremsen. Sehr kräftig. Uff. wir stehen. Ein Blick in den Rückspiegel zeigt: Jawoll, auch der Kastenwagen hinter uns hat es geschafft. Und dann geht es sehr schnell. Es macht bumm und noch mal bumm und es treibt uns aufs Heck des Vordermanns. Das alles auf der Überholspur. Das Herz klopft mir bis zum Halse, ich fürchte, dass noch mehr Autos in uns reinknallen, zum Glück bin ich nur Beifahrerin, kann nichts tun und muss nichts tun, mir sind die Knie weich, der umsichtige Fahrer sagt, bleib mal sitzen, regelt was mit Vorder- und Hintermann und tatsächlich schaffen es die vier Fahrzeuge durch den dicken Verkehr auf den sicheren Seitenstreifen. Ich atme auf. Keiner ist verletzt, halb so wild, nur Blechschäden, sagt der Fahrer, ich atme noch mal auf. Nach gefühlten Ewigkeiten steige ich dann aus, zieh mir die Warnweste an und betrachte die Männer hinter der Leitplanke. Ein junger Mann, der aussieht wie ein Student, ein etwas dunkelhäutiger Mann, der türkisch oder arabisch aussieht, ein älterer Herr mit Schnurrbart. Ich betrachte die Autos: Vorne ein schwarzer PKW, dann der, in dem ich saß, denn der weiße Kastenwagen und schließlich ein blauer BMW, dessen Schnauze heftig eingedrückt ist. Der BMW war offenbar auf das Stauende gerasselt und hatte uns und die anderen ineinander geschoben. Für mich ist selbstverständlich klar: Der arabisch aussehende Mann hat den BMW gefahren, der ältere Herr den Kastenwagen, der Laborproben enthielt… Ich staune nicht schlecht, als ich dann feststellen muss, dass es sich genau umgekehrt verhält: Der ältere Herr war der BMW-Fahrer. Und mir ist mal wieder klar geworden, dass ich - ja, ich!!! - weit davon entfernt bin, von mir sagen zu können: Ich habe keine Vorurteile.

(Bild: Petra Bork, Pixelio)

Freimaurerei in den Medien: Was für ein Bild?

Freitag, März 6th, 2015

Freimaurerei in den Medien
Es interessiert mich, was in den Medien zum Thema Freimaurerei läuft. Ich habe deshalb einen Google-Alert zum Stichwort “Freimaurer” eingestellt. Damit erhalte ich eine Email, wenn ein Beitrag über Freimaurer veröffentlicht wird, sei es ein Artikel, ein Veranstaltungs- oder Programmhinweis. Eine tolle Sache, doch beim Lesen einiger Beiträge beschleicht mich ein mulmiges Gefühl. Sie vermitteln mir den Eindruck, Freimaurerei sei nur etwas für Herren im fortgeschrittenen Lebensalter, die antiquierten und geheimen Ritualen nachgehen und auch ansonsten eher im Verborgenen wurschteln. Ich verspüre den dringenden Impuls, mich zu distanzieren. Da bin ich nicht dabei!
Da wird behauptet, was Freimaurer z.B. in einer freimaurerischen Arbeit tun, lasse sich durch die Beschreibung dieses Tuns nicht erschließen oder erklären. Dann aber wird auf ganz seltsame Art beschrieben, nur leider nicht erklärt. Ich finde das passt nicht zusammen.
Betrachten wir doch mal ein Beispiel symbolischen Tuns, das jeder kennt: eine Hochzeit. Wie lässt sich der Sinn und Zweck einer Hochzeit erklären? Zwei Menschen gehen den Bund fürs Leben ein, sie geben einander das Versprechen, zusammen zu bleiben, in guten und in schlechten Zeiten. Klaro. Wenn ich aber nur beschreibe, dass sich zwei Menschen festlich gekleidet an einen bestimmten Ort begeben, wo ein bestimmter Mensch Sprüche aufsagt, und sie einander dort im Beisein anderer metallene Ringe an einen bestimmten Finger stecken und einander dann auf Kommando einen Kuss geben - wie hört sich das dann an? Es klingt seltsam und befremdlich, irgendwie okkult, denn es sagt überhaupt nichts über die Bedeutung dieser Handlungen aus. Wenn ich eine Hochzeit so beschreibe, sagt das aber etwas über mich aus: Entweder habe ich den Sinngehalt und die Bedeutung einer Hochzeit nicht verstanden oder ich bin nicht in der Lage, anderen den Sinn zu vermitteln. In beiden Fällen sollte ich die Erklärungen und Beschreibungen vielleicht besser anderen überlassen.
Was sagt es über Freimaurer, wenn es ihnen nicht gelingt, den Sinn und die Bedeutung des freimaurerischen Rituals zu erklären, wenn sie sich also mit ähnlich befremdlichen Beschreibungen begnügen? Was sagt es über Journalisten, wenn sie sich auf diese Art von Beschreibungen stürzen und sie in den Mittelpunkt ihrer Berichte stellen? Ihnen würde kaum einfallen, in dieser Form über einen Literaturkreis, das Promi-Dinner oder ein Fußballspiel zu berichten: “Sie treffen sich in nummerierten Trikots und laufen, einander wüst anrempelnd, hinter einem Ball her, den sie mit den Füßen in Aufbauten mit Netzen hineinzutreten versuchen, begleitet von Getröte und Getöse, gelegentlich bläst ein Mann in eine Trillerpfeife, andere schwenken am Rand des Rasens Fähnchen…” Das wirkt ziemlich lächerlich, oder?
Was so alltäglich und allgemein bekannt ist wie ein Fußballspiel, muss natürlich nicht so akribisch beschrieben werden. Und nun schließt sich der Kreis: Weil freimaurische Rituale aber nicht allgemein bekannt sind, besteht die Gefahr, dass Journalisten sie auf solch merkwürdige Weise beschreiben. Das können sie aber nur, wenn Freimaurer und Freimaurerinnen selbst ihnen dafür die Steilvorlage liefern.
Was kann ich tun - als Freimaurerin, die vielleicht mal von Journalisten befragt oder interviewt wird? Ich nehme mir ernsthaft vor, meine Antworten zu üben. Ich überlege mir gute Formulierungen, ich denke darüber nach, welche Bilder meine Worte erzeugen und ob das die Bilder sind, die ich erzeugen möchte. Und ich hoffe, dass auch andere - Brüder wie Schwestern - sich damit beschäftigen und künftig Manches anders erklären als sie es bisher getan haben. Wenn es uns gelingt, den Sinngehalt freimaurerischer, auch ritueller Arbeit zu vermitteln, dann können wunderbare Beiträge entstehen. Dann kann die Berichterstattung so ausfallen, dass ich mich nicht mehr verstecken will, sondern sagen kann: Ja. Zu diesem Bund gehöre ich auch. Großartig!

Was hat mir die Freimaurerei „gebracht“? Ein persönlicher Rückblick

Freitag, Februar 27th, 2015

Was hat mir die Freimaurerei gebracht?

Wenn ich auf die vergangenen Jahre zurückblicke, kann ich aus vollem Herzen sagen: Ich bin glücklich darüber, dass ich mich entschieden habe, Freimaurerin zu werden. Die Arbeit mit Symbolen, das Philosophieren über grundlegende ethische Fragen, die rituellen Zusammenkünfte, die Auseinandersetzung mit Sichtweisen, die mir bis dahin fremd waren, haben im Laufe der Zeit mein Leben verändert. Ich habe gelernt, wie ich in verschiedenen Situationen “ticke” und was daran ausbaufähig oder veränderungswürdig ist. Ich habe gelernt und lerne immer wieder und immer noch, dass meine ganz persönliche Sicht nicht gleich der Weisheit letzter Schluss ist. Ich habe erlebt, dass es möglich ist, mit unterschiedlichen Menschen, die völlig verschiedene Erfahrungen, Fähigkeiten und Wissensschätze mitbringen, konstruktiv zusammen zu arbeiten. Ich habe gelernt, gemeinsam mit meinen Schwestern, Regeln und Strukturen zu schaffen, mit ihnen und an ihnen zu wachsen und sie gemäß den immer wieder neuen Anforderungen auch moderat zu verändern. Ich habe gelernt, meine Grenzen anders zu ziehen - sie sind bei manchen Themen sehr viel weiter, bei anderen durchaus auch enger geworden. (Ich gestehe anderen viel mehr Individualität und Anderssein zu als früher, aber ich gehe sorgfältiger mit meiner Zeit um und verschwende sie nicht mehr für etwas, was ich im Grunde gar nicht will.) Ich erlebe die Loge als einen Schutzraum und als Experimentierfeld, als Arbeits- und Übungsstätte und als Erholungsort, als intellektuelle und emotionale Bereicherung und Herausforderung, als Trainingsort für Toleranz und Redlichkeit, für Mitmenschlichkeit und geistige Klarheit, für Tradition und Fortschritt. Ich will das alles in meinem Leben nicht mehr missen. Und das besonders Schöne ist: All die “Einsichten”, die ich gewonnen habe, hat mir keiner eingetrichert, hat mich niemand schulmeisterlich gelehrt. Die Veränderungen in Verhalten und Lebensstil, Denkungsart und Haltung, zu denen ich mich entschlossen und die ich geübt und ausgebaut habe, hat mir niemand als Gebot oder Pflicht auferlegt. Ich habe sie mir in der Gemeinschaft mit anderen, im aktiven, wertschätzenden und auch reibungsvollen Miteinander ganz allmählich und ganz in meinem Tempo erschließen können. Dafür bin ich mehr als dankbar. Auch heute, 16 Jahre nach meiner Aufnahme, habe ich noch so viel zu tun, so viel Neues zu entdecken, so viel dazu zu lernen. Das hält mich auf wunderbar spannende und anregende Weise wach und lebendig.

Bullshit – oder: Der hat ja gar nichts an

Montag, Februar 23rd, 2015

Der hat ja gar nichts an!Neulich traf ich auf Facebook einen Menschen, der von sich sagte, er kenne die Freimaurerei von innen heraus und habe Zugang zu den tiefsten Weisheiten. Auf die Frage, welche das denn seien, wich er aus. In mir wuchs ein leises Unbehagen. Immer wieder betonte er, dass er ein „Eingeweihter“ sei und tiefe Erkenntnisse besitze, von denen viele Freimaurer nicht einmal den Ansatz einer Ahnung hätten. Mein Unbehagen wuchs weiter. Wer mehr wissen wolle, solle ihn per PN kontaktieren, schrieb er dann. Er würde die Menschen prüfen und seine Weisheit nur schrittweise denjenigen offenbaren, die in ihrer Entwicklung schon so weit seien, dass sie sie auch verstehen könnten. Eine Antwort auf die Frage, wie er das denn beurteilen wolle, blieb er zwar schuldig, doch er sparte nicht an abschätzigen Bemerkungen über die Dummheit der meisten Freimaurer, die ja zum angeblich „wahren Kern“ schon längst keinen Zugang mehr hätten. Schon seit einiger Zeit schrillten in mir gleich mehrere Alarmglocken. Zu Vieles deutete darauf hin, dass ich es hier mit einem klassischen Exemplar von Blender und „bullshitter“ zu tun hatte. Sein Manöver war zum Glück leicht durchschaubar, denn es funktioniert in groben Zügen immer auf dieselbe Weise: 1. Indem man sich als Wissender auf- und andere als Unwissende abwertet und viel geheimnisvolles Getue um dieses ominöse Wissen macht, inthronisiert man sich selbst als Autorität und Weisheits-Instanz. 2. Indem man einzelne vom Plenum weg in einen Privatraum lockt, verschafft man sich einen Schutzraum, in dem man ungestört seine vermeintliche Weisheit kundtun kann, ohne befürchten zu müssen, dass jemand den eigenen Aussagen widerspricht, sie in Frage stellt, ergänzt, kritisiert oder entlarvt. Man entzieht sich quasi jedweder Kontrolle und Korrektur. 3. Indem man erklärt, dass alle, die einem nicht folgen und die große Weisheit, die man verkündet, nicht verstehen, schlicht und ergreifend noch unreif seien, macht man sich selbst quasi unangreifbar, weil man den Eindruck erweckt, jeder Widerspruch und jeder kritische Skeptizismus zeuge schlicht von Unreife. Solche Tricks funktionieren manchmal, wie uns z.B. das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ zeigt. Keiner traute sich zu sagen, dass der Kaiser nackt ist, weil Betrüger die Menschen glauben machten, dass nur dumme Leute seine neuen Kleider nicht sehen könnten.
Ich habe diesem Menschen auf Facebook als Freimaurerin einer Loge der FGLD sehr deutlich gesagt, dass sein Verhalten und seine ganze Haltung mit unserem Umgang miteinander - mit unseren Werten und unserer Art der Begegnung, mit unserer Praxis des gemeinsamens Lernens und Erfahrens, des Austauschs auf gleicher Ebene nämlich - nichts, aber auch gar nichts zu tun hat. Und ich kann nur hoffen, dass niemand solchem bullshit wie oben beschrieben ernsthaft aufsitzt. Wir sollten stets kritisch bleiben, fragen, zweifeln und offen kommunizieren. Und in solchen Fällen wir oben beschrieben, sollten wir die Traute haben zu sagen: „Der hat ja gar nichts an!“

(Foto: Cigdem Büyüktokatli, Pixelio)

Je suis Charlie! Ich zeige Handschuh!

Montag, Januar 12th, 2015

Ich bin geschockt. Ich bin wütend. Ich bin traurig. Ich bin besorgt. Ich habe Angst. Ein Wechselbad der Gefühle angesichts der Gräueltaten in Frankreich, die sich auch in den öffentlichen Diskussionen und Reaktionen, in Polit-Debatten, Reden und Kommentaren und in sogenannten social groups im Internet widerspiegeln.
Die Auseinandersetzungen, die jetzt geführt werden, waren vorhersehbar. Haben diese Bluttaten nichts mit dem Islam zu tun? Oder doch? Sollten sich muslimische Verbände äußern und distanzieren? Christen haben sich ja auch vom Attentat Breiviks nicht distanziert. Sind beide Verbrechen überhaupt vergleichbar? Hat „Pegida“ recht behalten oder instrumentalisiert diese Bewegung nun die Ereignisse, so wie die Rechte in Frankreich es versucht? Wer schlägt daraus politisches Kapital? Brauchen wir in Deutschland mehr Polizei, mehr Bundeswehr, mehr Vorratsdatenspeicherung? Es soll in Frankreich auch Angriffe auf Moscheen gegeben haben. Ist das schon die Gegen-Gewalt von christlicher oder jüdischer Seite? Was und wer steckt hinter dem Brandanschlag auf die Hamburger Morgenpost? Die Lage ist verunsichernd unübersichtlich. Was können wir tun- als Menschen, als Bürger, als Freimaurerinnen?
Ja, ich habe Angst. Ja, ich spüre Zorn und Wut. Etwas anderes zu behaupten, wäre eine glatte Lüge. Was mir aber zeitgleich bewusst wird: Angst ist in diesem Zusammenhang ein ganz schlechter Berater. Wut auch. Angst und Wut führen immer direkt zu weiteren Gewalt-Eskalationen, zu Kurzschlüssen, zu Überreaktionen. Oder – im anderen Extrem - zu Feigheit, Duckmäusertum, faulen Kompromissen und falscher Rücksichtnahme. Wenn ich die Fäuste balle und wütende Kampfansagen brülle, kann der Terror gewinnen. Wenn ich den Kopf einziehe, mich verstecke und nichts sage, kann der Terror gewinnen.
Deshalb finde ich es richtig und wichtig, dass auch Freimaurer und Freimaurinnen sich in diesen Zeiten zu Wort melden, dass sie Farbe bekennen.
Zum Beispiel mit Pressemitteilungen und Statements auf den Homepages der Großlogen, die weder dogmatisch noch parteipolitisch, weder einseitig noch entzweiend sind. Die Texte drücken sehr gut aus, was Grundkonsens des gesamten Bundes ist: Toleranz, Humanität und Liebe – im Zusammenhang mit dem Auftrag: „Wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt.“
Zum Beispiel in der öffentlichen facebook-Gruppe „Charlie lebt! - Wir zeigen Handschuh! Für Verbundenheit in Vielfalt“. Hier können Initiierte, Interessierte, Suchende, Freunde, Angehörige – kurzum: alle, die möchten - Selfies mit weißen oder bunten Handschuhen posten, als Absage an Gewalt und Gegengewalt, Hass und Feinbilder.
Ja, ich habe Angst. Auch ich könnte ja zur Zielscheibe werden, wenn ich Gesicht zeige. Aber ich gebe der Angst keine Macht über mich. Je suis Charlie! Ich zeige Handschuh!

Selbsterkenntnis und Selbstvervollkommnung

Dienstag, Dezember 9th, 2014

Gedanken anlässlich der Thementage “Wir optimieren uns zu Tode” im WDR.
Die freimaurerische Idee der Selbstvervollkommnung, der Arbeit an sich selbst, bekommt heutzutage schnell einen falschen Zungenschlag. In unseren modernen Zeiten besteht durchaus die Gefahr, dass diese Idee ins Fahrwasser der zwanghaften Selbstoptimierung gerät. Die Thementage auf WDR 5 beschäftigen sich mit diesem Zwang zur Perfektionierung, die unglaublichen Stress erzeugt und viele geradezu ins Unglück stürzt.
Ich muss jung aussehen, egal wie alt ich bin; notfalls muss ich unters Messer. Ich muss den Tag effektiver angehen, damit ich noch mehr Termine und Aktivitäten in den 24 Stunden unterbringen kann. Ich muss immer glücklich und darf nie unglücklich sein, wenn doch, muss ich zum Psychologen oder brauche Pillen. Ich muss Hirnschrittmacher einnehmen und auch meinen Kindern verordnen, damit sie in der Selbstoptimierungs-welle mit schwimmen können. Ich muss innerhalb von wenigen Jahren eine steile Karriere bauen und zu den oberen Zehntausend gehören. Ich muss mich zu Extremstleistungen quälen, ob im Sport, im Beruf, im Haushalt, im eigenen Erscheinungsbild. Kurzum: Ich muss alles überall immer schneller, höher, weiter, klüger, stärker und schöner machen, sonst bin ich ein Nichts. Madonnas alter Song “I am a material girl and I live in a material world” erscheint vor diesem Hintergrund fast schon prophetisch. Das Ergebnis einen solchen Wahns sind vereinzelte Egoisten, die außer sich selbst nichts und niemanden mehr wahrnehmen, sich nur noch innerhalb ihrer überhöhten Ansprüche bewegen.
Hat das mit Selbstvervollkommnung zu tun? Ich sage: Nein, nicht im mindesten. Selbstvervollkommnung kommt von innen, nicht von außen. Wer sich vervollkommnen will, erfährt, lernt oder weiß, was in ihm steckt - und stopft keine gesellschaftlich legitimierten und forcierten Anspruchs-Schemata in sich hinein.Wer sich selbst vervollkommnen will, arbeitet mit sich und nicht gegen sich und lernt sich selbst dabei besser kennen, setzt sich nicht permanent und kurzsichtig unter Druck, sondern hält inne, wägt ab und verschafft sich durch Rück- und Vorausschau einen Überblick, um dann im Hier und Jetzt präsent sein zu können. Das kritische Hinterfragen von Mode und Möglichkeiten, Zeitgeist und Mainstream gehören auf jeden Fall dazu. Und die Einsicht, dass nicht alles, was sein KANN auch sein MUSS.

Zeit einteilen

Sonntag, November 2nd, 2014

In diesen Tagen wird es wieder spät hell und früh dunkel. Für mich ist das ein willkommener Anlass, über das Phänomen Zeit nachzudenken, vor allem darüber, wie ich Zeit empfinde und wie ich mit meiner Zeit umgehe. In aufregenden Phasen mit viel Action kommt es mir vor, als ob sie rast und ständig wegrennt. Wenn mir langweilig ist, wenn nichts passiert oder ich sehnlich auf etwas warte, will sie partout nicht vergehen und schleicht zäh und schleppend voran. Dabei tickt die Uhr an der Wand doch immer gleich und ihr Sekunden- und Minutenzeiger springt in immer demselben Tempo und Rhythmus von einer Position zur nächsten. Ich hatte in den vergangenen Wochen jedenfalls so viel um die Ohren, sowohl beruflich als auch privat, dass ich gar nicht mehr so recht weiß, wo oben und unten, wo vorn und hinten ist. Ich bin ausgepowert und funktioniere nicht mehr, werde den eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht. Der Abwasch türmt sich in der Küche. Auf meinen Schreibtisch stapeln sich Dokumente, die ich dringend bearbeiten müsste, doch ich schleiche drumherum und beobachte, wie der Stapel stetig wächst. Kürzlich habe ich meinen Fahrradschlüssel verlegt und bisher nicht wieder gefunden. Das alles sind Warnzeichen, die mir signalisieren: Kürzer treten, Pause machen, langsam voran. In unserem freimaurerischen Ritual ist mir dann mal wieder der 24-zöllige Maßstab besonders intensiv begegnet. Dieses symbolische Werkzeug soll uns daran erinnern, unsere Zeit gut einzuteilen. Ich war in den vergangenen Wochen nicht besonders klug darin, das weiß ich definitiv, und es hat mir überhaupt nicht gut getan. Aber jetzt will ich wieder klüger werden. Das heißt: Ich lasse mich nicht anstecken von der hektischen Halloween-Dekorier-Wut in der Nachbarschaft. Ich ignoriere den vor-adventlichen Putzwahn. Und ich werde in den kommenden Tagen ein paar Termine absagen, mich richtig ausruhen und es dann bis zum Jahresende etwas langsamer und besonnener angehen lassen.

Wie geht Diskurs oder: Wann ist ein Thema „durch“?

Freitag, Oktober 24th, 2014

„Boah, nee, nicht schon wieder!“ – Maria verzieht das Gesicht und macht eine abwehrende Handbewegung. Das Thema kennt sie. Und sie hasst es, weil es Unruhe bringt. Wir hatten im Freundeskreis darüber diskutiert, vor etwa einem Jahr. Nein, eine Diskussion war es eigentlich nicht. Es war ein kurzer und heftiger Schlagabtausch. Meinungen prallten aufeinander, ungebremst und wüst, bis jemand das Thema wechselte. Zur echten Auseinandersetzung, zum Austausch von Argumenten war es gar nicht erst gekommen. Auch ein Jahr später ist es uns nicht möglich, darüber zu sprechen. Ein ganz beliebter Satz zur Rechtfertigkeit dieser Abwehrhaltung ist: „Das Thema hatten wir schon.“ Oder: „Das Thema ist durch.“ Für den Fall, dass es sich um zentrale Themen handelt, die für eine Gruppe konstitutiv sind, kann das der Anfang vom Ende sein. Sprachlosigkeit und Konfliktvermeidung führt dann allzu schnell ins Unbehagen und ins Leere.
So ist es in vielen Gruppen, leider. Wenn es mal richtig gekracht hat, ducken sich die meisten weg. Dann laviert man akrobatisch um die Klippe herum, kehrt das Problem umständlich oder harsch unter den Teppich, schleppt aber dennoch allerlei Ärger und Ressentiments mit sich herum, was sich spürbar auf die allgemeine Stimmung auswirkt. Das passiert auch in Logen, auch unter Freimaurerinnen. Aber: Wir haben immerhin den Anspruch, in einen Diskurs zu treten und sind bereit, es immer wieder zu versuchen. Wir halten den Diskurs – das gemeinsame Nachdenken über schwierige Fragen mit der Bereitschaft, die Sichtweise der jeweils anderen kennen- und verstehen zu lernen und offen zu sein gegenüber neuen Fakten und Informationen – für dringend notwendig. Und wir wissen, dass wir uns mitunter über einen längeren Zeitraum hinweg mit einem Thema beschäftigen müssen, gerade dann, wenn es so wichtig und so kontrovers ist. Denn gerade dann kann es geschehen, dass durch wiederholtes Betrachten, Beleuchten und Ausloten plötzlich Neues aufblitzt, eine andere Erkenntnis aufleuchtet, ein Missverständnis (Kommunikation ist schwierig!) sich aufklärt, jede von uns etwas dazulernt.
Es reicht nicht, dass wir uns ein- oder zweimal gegenseitig Meinungsbrocken an den Kopf werfen und dann wütend auseinander gehen – jede mit ihrer Maximalforderung und dem festen Bewusstsein, nur sie habe Recht. Das wäre der Beginn eines Kleinkriegs, der ganz sicher nicht zu einem guten Miteinander beiträgt. Was wir brauchen und lernen sollten, ist die suchende und tastende, die achtsame und intensive, die kluge und mit Erfahrung und Wissen angereicherte Auseinandersetzung in gegenseitiger Ergänzung und gegenseitigem Respekt.
Immer schaffen wir das nicht. Wir sind ja keine Heiligen. Aber wir sind auf dem Weg.

Gefangen im Milieu oder gespannt auf die Welt?

Montag, September 8th, 2014

“Das Problem ist nun, dass uns mit der Zeit die Üblichkeiten unseres Milieus wie die eigentliche Welt vorkommen, dass sie uns also mehr und mehr gefangen nehmen. (…) Im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden wir auf diese Weise immer mehr zu dem, der wir anfangs vielleicht nur ein wenig waren und der wir am Ende mit Haut und Haaren sind: Wir werden zum Produkt unseres Milieus. Und was wahr und falsch ist, was gut und böse, vor allem, was schön und hässlich, das bestimmt die Ästhetik unseres Milieus. (…) Wenn es dann einmal so weit gekommen ist, kann man aus dieser seiner Welt kaum mehr aussteigen, denn man merkt nicht einmal mehr, dass man gefangen ist in einer ganz bestimmten Weltsicht, die sich einem mehr und mehr aufgedrängt hat. (…) Wenn alles gut läuft, wenn es keine Pannen gibt, wenn nichts mehr wirklich Anstoß erregt in der eigenen scheinbar so normalen milieumäßig geordneten Welt, dann haben wir letztlich aufgehört, wir selbst zu sein, dann sind wir bloß noch Funktionäre unseres Milieus.” Das schreibt Manfred Lütz in “Bluff! Die Fälschung der Welt.” auf Seite 22 ff. und die Worte haben mich nachdenklich gemacht.
Zwei Dinge sind mir durch den Kopf gegangen: Es gibt immer wieder mal Logen, die (phasenweise) pseudo-harmonisch in solchen Milieus erstarren. Das ist erschreckend, aber normal - es passiert ja gelegentlich auch Individuen, zumal solche Milieu-Welten sehr behaglich und bequem sind; und immerhin bestehen Logen aus Menschen, nicht aus Göttern. Doch alles in allem ist die Freimaurerei für mich - und für viele andere - eine Einladung und Chance, aus diesen Scheinwelt-Milieus auszubrechen. Die Vielfältigkeit und die Freiheit von Dogmen und Lehrsätzen ermöglicht es, uns im Kontakt und Gespräch mit vielen anderen unterschiedlichen Menschen eine andere, weitere Weltsicht zu erschließen. Allerdings nur, wenn wir es denn wirklich wollen!