Archive for the ‘Freigeist’ Category

Demokratisches Miteinander nach klaren Regeln

Montag, Januar 30th, 2017

Die Freimaurerinnenlogen der Frauen-Großloge von Deutschland (FGLD) sind eingetragene Vereine. Sie haben (so wie auch die FGLD als Dachorganisation) Satzungen nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch und weitere Ausführungsbestimungen (Ordnungen, Hausgesetze) und sind demokratisch organisiert. Es gibt regelmäßig Mitgliederversammlungen, Wahlen, Protokolle und Kassenprüfungen, kurzum, alles, was in Vereinen üblich und vorgeschrieben ist. Neben den spezifischen “freimaurerischen” Inhalten (Ritual, humanistische Werte, Ethik, Sinnfragen, Diskurs, Gästeabende etc.) gibt es Aufgaben und Pflichten, die jeder Verein hat, und klar definierte vereinbarte Regeln, nach denen sich die Mitglieder richten (müssen). Auch für die Veränderung der in Satzung und Ordnung festgelegten Regeln gibt es klar definierte Vorgehensweisen. Ich finde das nicht lästig, sondern gut so: Es schützt alle Logenmitglieder vor Willkür und Laissez-faire, vor autoritärem Verhalten einzelner und vor Beliebigkeit und schafft eine verlässliche, klare, transparente Struktur aus Rechten und Pflichten. Für mich gehört das zum Großlogen- und Logenleben dazu. Die Vorsitzende (Meisterin vom Stuhl auf Logenebene, Großmeisterin auf Großlogenebene) leitet nicht nur zusammen mit den beiden stellvertretenden Vorsitzenden (Aufseherinnen bzw. Groß-Aufseherinnen) das Ritual, sondern auch die Mitgliederversammlung, die das höchste Entscheidungsgremium ist. Das ist in meinen Augen kein lästiger “Orga-Kram”, nicht überflüssig oder bloß blöd - sondern unsere gemeinsame demokratische Basis, wichtig, nötig und hilfreich fürs Miteinander. Das alles macht Arbeit und Mühe, durchaus. Und doch bin ich froh, dass unsere Logen Vereine sind. Die Satzung einzuhalten und darauf zu achten, dass sie eingehalten wird, gehört nämlich auch zu unserer Tradition.

Kleiner Anruf mit großer Wirkung

Dienstag, September 13th, 2016


Namika: Lieblingsmensch

Ich bin jetzt gerade, in diesem Moment, total gerührt. Soeben hat mich meine beste Freundin angerufen, die ich schon seit der Schulzeit kenne. Sie war auf dem Heimweg von der Arbeit und hörte im Autoradio das Lied vom Lieblingsmenschen, sagte sie. Da musste sie mich einfach anrufen, weil ihr mal wieder aufgegangen sei, dass ich das bin - ihr Lieblingsmensch! Ich stecke gerade in einer unangenehmen Pflichtarbeit, die gar keinen Spaß macht. Und jetzt fühl ich mich so beflügelt, so reich, so wichtig, so beschenkt, dass ich fast weinen muss. Wie wunderbar!

Religion ist Privatsache – oder: Die „Alten Pflichten“ sind nicht das Evangelium

Mittwoch, Juni 15th, 2016

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„Freimaurer müssen zwingend gläubig sein“, Freimaurerei setzt den Glauben an ein höheres Wesen oder an etwas Göttliches voraus.“ – solche Sätze höre und lese ich oft, auch in den einschlägigen facebook-Gruppen. Und zur Begründung der oft sehr kategorisch vorgetragenen „Basta“-Aussagen in Sachen Glaubenspflicht folgt oft und gern der Rückbezug auf Schriften eines gewissen Anderson von 1723, auf die so genannten „Alten Pflichten“. Der Mann hat damals eine Art Hausordnung, ein großes Regelwerk für Logen geschrieben. Vor knapp dreihundert Jahren war das offenbar notwendig – und es war fortschrittlich und klug, zeitgemäß und passend; auch heute noch gibt es Hausgesetze oder Logenordnungen, die vereinbarte Regeln festhalten. Die „Alten Pflichten“ wurden aber leider so berühmt und mit der Zeit so glorizfiert, dass sie für viele auch heute noch das Evangelium zu sein scheinen, dem buchstabengetreu Folge zu leisten ist. Ich halte das für einen großen Fehler. Die Haltung, dass ausgerechnet dieser Text auf ewig und wortwörtlich zu gelten habe, ist ein Rücksprung in vormoderne Zeiten und wirkt so fundamentalistisch und rückwärtsgewandt wie die Fundamentalismen mancher Bibel- oder Koran-Eiferer. Wir wissen heute, dass heilige Bücher der Religionen, politische Essays, Gesetzessammlungen, ja selbst wissenschaftliche Forschungsergebnisse ebenso wie die so genannten Alten Pflichten Andersons nur im historischen Gesamtkontext verständlich, schlüssig und gültig sind und zu gegebener Zeit fortgeschrieben, verändert und weiter entwickelt werden (müssen). Denn mit der Zeit tun sich neue, andere, breitere Wissens- und Erfahrungshorizonte auf. Ein moderner aufgeklärter Mensch weiß, dass auch Menschen ohne religiösen Glauben, ohne den Glauben an Göttliches oder göttliche Lenkung ethisch und moralisch handeln und sich ernsthaft mit Ethik und Humanismus auseinandersetzen können. Und er weiß, dass auch Menschen mit religiösem Glauben extremistisch, gewalttätig, zwanghaft und rechthaberisch sein können. Ein moderner aufgeklärter Mensch weiß, dass die Existenz Gottes weder bewiesen noch widerlegt werden kann. Insofern ist es logisch und richtig, wenn Menschen in der Postmoderne sich frei entscheiden, ob sie an Gott oder Göttliches glauben oder nicht – und die jeweils andere Entscheidung respektieren. Die automatische Koppelung der Freimaurerei an einen wie auch immer gearteten Glauben aber ist überholt. Manche Freimaurerinnen in unseren Logen glauben, sind sogar in Kirchen aktiv, manche glauben nicht und haben mit Religionen nichts zu tun. Das spielt bei uns keine Rolle. Ich meine, dass in der humanitären Freimaurerei religiöse Glaubensbekenntnisse generell kein Auswahl- und kein Ausschlusskriterium sein sollten. Einzig wichtig ist, dass Menschen, die in unseren Bund eintreten möchten, sich mit Toleranz, Humanität, Selbsterkenntnis und Wohlwollen, mit Liebe, Freiheit und Frieden identifizieren können und dazu beitragen möchten, dass sich diese Werte im Miteinander besser entfalten können. Was nicht zu uns passt, sind u.a. Menschenverachtung, Fanatismus, Egozentrismus, Hass, Gewalt und Zwang – ob mit oder ohne Gott.

Wahrheitspresse contra Lügenpresse? Die neue Form der Mediengläubigkeit ist hochgefährlich

Freitag, April 29th, 2016

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„Lügenpresse“ – dieses Wort lese und höre ich in letzter Zeit oft. Offenbar meinen viele Menschen, dass die Medien in Deutschland lügen. Wenn ich genauer nachfrage, stellt sich meist heraus, dass demjenigen, der den Vorwurf erhebt, die Schlagzeile, der Artikel, der Film, der Tenor des Beitrags missfällt, weil er nicht ins eigene Weltbild passt, weil er nicht die eigene Meinung stützt. „Die sollen die Wahrheit schreiben und zeigen“ – so die Forderung. (Seltsamerweise glauben etliche dieser „Medienkritiker“ andererseits sehr schnell und ungeprüft den nachgewiesenermaßen erlogenen Geschichten von menschenfressenden Ukrainern, Streichelzoo-Ziegen verspeisenden Syrern und kreativ herbei-fantasierten Brutalo-Massenvergewaltigungen aus dubiosen Quellen und unseriösen Blogs.)
Zur Medienkompetenz gehört das Wissen darum, dass es DIE eine und einzige Wahrheit nicht gibt. Zeitungen, ein Fernsehsender, ein Wochenmagazin und die Journalistinnen oder Journalisten, die für sie arbeiten, sind nicht im Besitz der Wahrheit – und waren es nie. Sie informieren, unterhalten, kommentieren, überspitzen und interpretieren jeweils nach bestem Wissen und Gewissen und im Rahmen des Presserechts. Bei Verstößen dagegen können sie belangt werden. Es gibt konservative und progressive Medien, linke und rechte, freche und brave, ernste und satirische, und dazwischen jede Menge Abstufungen, Bunt- und Grautöne. (Randbemerkung: Die meisten halten sich ans Presserecht. Im Gegensatz zu etlichen anonym auftretenden Skandalnudeln und bis vor kurzem noch unbekannte Hetzbloggern, die teils nicht mal Grammatik und Rechtschreibung beherrschen.)
Verschiedene Medien beleuchten Problemfelder aus unterschiedlichen Blickwinkeln – mal plakativ, mal differenziert, mal zynisch mal sachlich. Aber sie geben uns nicht DIE Wahrheit. Denn – noch mal! - DIE Wahrheit gibt es nicht. Auch wenn sich viele das wünschen würden. Dass einer (!) die eine (!) Wahrheit verkünden möge, ist ein unerfüllbarer Anspruch. Wir müssen stets selber nachdenken, kritisch prüfen, vergleichend lesen, abwägen und diskutieren – am besten mit Andersdenkenden. Das übrigens tun wir Freimaurerinnen in unseren Logen auch - in Vorträgen mit anschließendem Austausch, bei Gästeabenden und internen Treffen, beim Bearbeiten aktueller Themen, in diesem Blog, der unterschiedlichste Betrachtungsweisen, Gedanken und Meinungen präsentiert.
Wir dürfen dabei nicht Behauptungen mit Fakten, nicht Meinungen mit Tatsachen, nicht Teil-Informationen mit der Gesamtwirklichkeit, nicht Prognosen und Statistiken mit Realität verwechseln. Und müssen damit rechnen, dass wir trotz sehr genauer Prüfung aller Inhalte dennoch nicht automatisch zu derselben Sichtweise kommen. Wer Medien (welcher Couleur auch immer) für die neuen Wahrheitsverkünder der Postpostmoderne hält oder dazu machen will, wer meint, dass Medien Wahrheitsverkünder sein könnten (und müssen), wenn sie doch bloß endlich nicht mehr lügen würden, offenbart damit, dass er seine Mediengläubigkeit nicht abgelegt hat. Und er bekennt sich zur Meinungsdiktatur und Gleichschaltung der Medien im Sinne der eigenen Ideologie, der eigenen Wahrheit. Wahrheitspresse contra Lügenpresse. Was dabei herauskäme? Absolutheitsanspruch, Regierungsfernsehen a la Putin und Erdogan. Staatsbosse mit Macht über Medien definieren nämlich recht genau, welche Lügen Wahrheit sind – und lassen selbstverständlich nur die Wahrheit drucken und verkünden. Zensur nennt man das. Weder in Russland noch in der Türkei können Medien so kritisch über die Regierung berichten wie in Deutschland. Seltsam, dass ausgerechnet hier, in einem Land, in dem die Pressefreiheit und die Unabhängigkeit der Medien eins der höchsten Güter und die seriöse Medienlandschaft sehr vielfältig ist, plötzlich wieder lauthals Gleichschaltung propagiert wird. Ich kann nur hoffen, dass diese Propagandisten in der Minderheit bleiben. Ich als Freimaurerin setze mich dafür ein, dass es niemals eine “Wahrheitspresse” geben wird, sondern weiterhin eine freie Presse.

Weg mit dem Neid - Mitfreude macht fröhlich

Freitag, Februar 12th, 2016


Ich habe mich entschieden, dass ich anderen Schönes gönnen möchte, mich freuen möchte an dem, was andere Schönes haben und erleben, an dem, was anderen Gutes getan wird. Ich will mich mitfreuen - und zwar ohne neidisch zu sein, ohne mich benachteiligt und zurückgesetzt zu fühlen, ohne zu hadern, ohne selbst Forderungen für mich zu stellen. Ich will mich von Herzen mit anderen freuen, denen Gutes widerfährt. Mitfreude macht das Herz weit und macht mich selbst fröhlich. Anlass für diesen “Vorsatz” war ein Museum, das Flüchtlingsgruppen mit Betreuung freien Eintritt gewährt und dafür einen Shitstorm erntete. Da ist mir bewusst geworden, wie ich-bezogen wir oft um uns selber und unsere eigenen Vorteile kreisen, wie bitter wir dabei werden und wie hässlich. Ich setze auf Mitfreude, Großzügigkeit und die erbauliche Kraft freundlicher Gesten - und merke schon jetzt, wie gut das tut. In der Freimaurerei vollziehen wir diese Perspektiverweiterung vom Ich zum Du und zum Wir symbolisch in den drei Graden Lehrling, Gesellin, Meisterin. Dazu gehört auch das gelegentliche Loslassen von Eigennutz und Eigeninteresse.

(Bild: juli.gänseblümchen, Pixelio)

Was wäre, wenn…

Donnerstag, Dezember 17th, 2015

…. wir öfter mal würdigen, was andere leisten?
Jeder Mensch sucht nach Sinn und sinnvoller Tätigkeit, möchte gebraucht werden, sehnt sich nach Anerkennung, Zuspruch und Ermutigung. Jeder Mensch braucht das für sein Selbstwertgefühl, sein Selbstbewusstsein, sein Wohlbefinden. In der heutigen Arbeitswelt ist jedoch die Wahrscheinlichkeit, nach Fehlern kräftig abgekanzelt zu werden, meist größer als die, nach guter Leistung echtes Lob zu erhalten. Mal ganz abgesehen davon, dass immer mehr Menschen von Arbeit und damit auch von gesellschaftlicher Teilhabe abgeschnitten sind und sich allein dadurch wertlos, unproduktiv, überflüssig und unglücklich fühlen. Ich habe beim Einsatz für Flüchtlinge in „meiner“ Stadt beobachtet, dass viele Menschen diese Anerkennung, dieses Gebrauchtwerden, dieses sinnvolle Tätigsein im Ehrenamt erleben oder zu erleben versuchen und dass sie – je nachdem, wie es gelingt und „ankommt“ bzw. „verpufft“ – dadurch glücklicher oder noch unglücklicher werden. Vor ein paar Monaten traf mich dann in einer besinnlichen Minute mit voller Wucht die Erkenntnis, dass sich das genauso auch auf unsere Logen übertragen lässt. Wie oft mäkeln wir aneinander herum? Wie oft sind wir unachtsam und nehmen die Leistung der anderen gar nicht wahr, wie oft würdigen wir sie herab? Und wie lässt sich das ändern? Nun – wie so Vieles: Indem man bei sich selbst beginnt!
Mein kleiner Beitrag für mehr Glück und Zufriedenheit, einfach mal so, zum Jahreswechsel: „Wertschätzungs“-Karten. Ich habe jeder Schwester geschrieben, was ich an ihr „schätze“, was ich an Beiträgen und Handlungen ich im vergangenen Jahr als besonders toll und gelungen empfunden und erlebt habe, was mir aufgefallen ist. Und siehe da: Bei der Auflistung wurde mir klar, dass ich jeder einzelnen dieser höchst unterschiedlichen Freimaurerinnen aus vollem Herzen sagen kann: Du bist ein wunderbarer Mensch mit großartigen Fähigkeiten und Begabungen! Mein Vorsatz für 2016: Ich will auch weiterhin innerhalb und außerhalb der Loge mehr darauf achten, was jede einzelne in die Gemeinschaft einbringt und sie darin bestärken und ermutigen. Denn jede einzelne ist von unschätzbarem Wert und ist es allein deshalb wert, gehörig wertgeschätzt zu werden.

Nach den Attentaten von Paris: Freiheit, Humanität und Menschenwürde – jetzt erst recht!

Sonntag, November 15th, 2015


In Paris haben Terroristen am Abend des 13. November bei Attentaten an verschiedenen Orten der Stadt mehr als 128 Menschen getötet und mehr als 200 verletzt. Sie wüteten vor dem Fußballstadion, in einem Rockkonzert, in Restaurants – an Orten, an denen Menschen in ihrer Freizeit zusammenkommen, um sich zu erholen und zu erfreuen. So viele unschuldige Menschen haben ihre Leben verloren oder ihre Gesundheit, liegen jetzt im Krankenhaus, andere sind körperlich unversehrt geblieben, aber zutiefst geschockt. Ich – und sicher nicht nur ich allein – bin mir zwar bewusst, dass das alles nichts ist gegen das Grauen des Krieges, der zurzeit in Syrien tobt, doch ich bin entsetzt und tieftraurig über derartige Gewaltexzesse in Europa. Ich habe das Bedürfnis, den Opfern, ihren Angehörigen und Freunden, den Französinnen und Franzosen mein Beileid auszusprechen, und neben aller Trauer spüre ich auch Zorn. Auch damit bin ich sicher nicht allein.
Um so wichtiger ist, dass wir in diesen schweren Tagen gemeinsam für unsere europäischen Werte eintreten: für Freiheit und Humanität. Umso wichtiger ist, uns nicht von der gegenwärtig hochemotionalen Stimmung mitreißen zu lassen, die nicht mehr unterscheidet zwischen Verbrechern und Flüchtlingen, zwischen aufgeklärt-moderner und fundamentalistisch-fanatischer Religion und die der Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit Tür und Tor öffnet.
Die barbarischen Morde in Paris haben nicht die Flüchtlinge in Europa, die vor genau diesem Wahnsinn geflohen sind, begangen. Die Attentate wurden von Verbrechern und Verblendeten angezettelt, geplant und ausgeführt, von Menschen, die ich für schwer krank, für hochgradig psychisch gestört und kriminell halte und die gegen alles verstoßen, was mir heilig ist: Die Liebe, die Menschenwürde, die Humanität, die Freiheit, die Toleranz. Ihnen und denjenigen, die ihnen nacheifern, muss mit aller Härte Einhalt geboten werden; sie gehören schnellstmöglich hinter Schloss und Riegel. Wer aber jetzt triumphiert und die schändlichen Attentate als Vorwand für weitere Stimmungsmache gegen Wehrlose, Verfolgte und Verzweifelte missbraucht, verstößt auch gegen unsere gemeinsamen Werte. Die Morde in Paris dürfen nicht als Vorwand dienen, uns abzuwenden von den Pflichten, die uns unser Grundgesetzt in § 16 a auferlegt: Politisch Verfolge genießen Asylrecht. Die Mörder dürfen uns nicht dazu bringen, alle Menschen muslimischen Glaubens pauschal zu Feinden zu erklären, denn die extrem-fanatische Haltung des IS hat mit dem Glauben der überwiegenden Mehrzahl unserer muslimischen Mitbürger, Nachbarn und der Mehrzahl der muslimischen Flüchtlinge nichts gemein. Nicht Angst und Hass und Pauschalurteile sollen uns leiten und unsere Haltung und Weltsicht bestimmen, sondern das Streben nach Licht, Leben und Liebe, Wohlwollen und Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und die Suche nach möglichst menschenfreundlichen Strukturen. Kehret niemals der Not und dem Elend den Rücken – diese Aufforderung gilt besonders in schweren Zeiten. Ohne Not lässt sie sich als blutleere Formel und netter Spruch leicht dahinsagen. Nur in Krisenzeiten zeigt sich, ob wir diese Worte ernst nehmen und mit Leben füllen.

Sprücheklopfen gilt nicht: Gute Argumentation ist gefragt

Freitag, Oktober 2nd, 2015

Deutschland ist ein säkulares Land des Pluralismus und der Toleranz. Hier gilt ein ziemlich gutes Grundgesetz, in dem Frauen und Männer gleichberechtigt sind, die Würde des Menschen unantastbar ist und seine Rede- und Glaubensfreiheit garantiert wird. Wenn einige unserer Gäste das nicht wissen und nicht kennen oder nicht verstehen oder gar ablehnen, dürfen wir nicht müde werden, das immer wieder gut zu erklären: auf zugewandte, ruhige und unmissverständliche Weise, mit überzeugenden Argumenten und Begründungen. Vielleicht lernen wir dabei, unsere freiheitlichen und demokratischen Werte selbst wieder mehr zu schätzen, weil wir sie plötzlich beschreiben und erläutern müssen. Das ist eine Chance für uns: Zu etwas zu stehen, was uns selbstverständlich schien und dafür zu sorgen, dass andere, denen das (noch) fremd ist, es verstehen lernen. Sprücheklopfen, Fäusteballen und Schimpfen, Kopfschütteln und Sich-Abwenden hilft da nicht viel; es ist die eher sanfte Macht des Wortes und der positiven Haltung, die freundliche Macht der wohlwollenden, aber auch klaren Kommunikation, die liebevolle und nachsichtige Macht der Geduld, auch die weiche Macht der Wiederholung, die überzeugen kann. Ich bin zuversichtlich - trotz aller Schwierigkeiten und vielleicht auch trotz einiger, die sich als resistent dogmatisch erweisen werden, halte ich es für möglich, dieses große Zukunfts-Projekt zu meistern.

Farbe bekennen - Wir dürfen zu den vielen Anschlägen auf Flüchtlingsheime nicht schweigen

Samstag, August 29th, 2015

Schon wieder ein Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim, diesmal in Niedersachsen. Das Gebäude war bewohnt, rund 40 Flüchtlinge, auch Kinder, sind hier untergebracht. In Heidenau wurde fürs Wochenende zunächst ein Versammlungsverbot erlassen und kurz darauf wieder gekippt. Der Hintergrund: Asylgegner hatten angekündigt, ein Willkommensfest für die Flüchtlinge zu stören und die Stadt fürchtete, dass es zu Krawallen kommt, die die Ordnungskräfte nicht mehr bewältigen können. Was ist los in Deutschland? Wenn mir vor ein paar Jahren jemand gesagt hätte, dass es hierzulande zu solchen Zuständen kommt, hätte ich ihm nicht geglaubt. Ich bin zutiefst entsetzt über so ungezügelten, unreflektierten Hass auf Menschen. Und ich bin zutiefst davon überzeugt, dass wir Freimaurerinnen Farbe bekennen müssen: Klar, deutlich und öffentlich. Mit Worten und mit Taten. Wer ein Willkommensfest für die Menschen feiert, die hier angekommen sind, muss nicht hundertprozentig mit der Asylpolitik der Bundesregierung einverstanden sein, muss auch nicht dafür sein, dass künftig alle ohne Prüfung hierher kommen. Wer Flüchtlingen hilft, sich hier zurechtzufinden, wer eine Patenschaft und Begleitung übernimmt, kann trotzdem für Zuweisungs-Quoten sein oder für eine Beschleunigung der Asylverfahren oder für eine andere Einwanderungspolitik. Aber Hass auf Menschen, Brandsätze auf Häuser, Anschläge, Drohgebärden und Beschimpfungen - dazu dürfen wir nicht schweigen. Wir sollten es immer wieder sagen: Am Stammtisch und in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz und im Bekanntenkreis, in Blogs, auf unseren Homepages, auf einer Fahne im Fenster oder im Garten, wo und wie auch immer: `Die Würde des Menschen ist unantastbar. Wir dulden keinen Terror, keine Hasstiraden und keine Gewalt.` Wenn wir nichts sagen, nichts tun, meine Schwestern, machen wir uns unglaubwürdig. Schweigen wäre Zustimmung.

Arbeit in Graden – ist das Hierarchie?

Freitag, Juni 26th, 2015

Die so genannte Johannismaurerei arbeitet in drei Graden: Lehrling, Gesellin und Meisterin. Damit installieren wir in unserer Logen kein hierarchisches System, sondern widmen uns unterschiedlichen Arbeitsschwerpunkten. Als Lehrlinge beschäftigen wir uns hauptsächlich mit unserer eigenen Person, wir lernen die Loge und die freimaurerischen Traditionen kennen und lassen das Neue auf uns wirken. Wir schauen in uns. Als Gesellinnen betrachten wir unsere Umgebung genauer, prüfen, wo unser Platz und unsere Aufgabe in der Gruppe sein kann. Wir schauen um uns. Als Meisterinnen übernehmen wir Verantwortung für das Funktionieren der Gruppe, für die Bewahrung, Erweiterung und Weitergabe unseres Wissens und für zukünftige Projekte und Pläne. Wir schauen über uns, z.B. über uns selbst und unsere momentanen Befindlichkeiten hinaus. Allerdings kommen auch die Meisterinnen nicht umhin, weiter in sich und um sich zu schauen.
Die verschiedenen Arbeitsschwerpunkte sind nur in idealtypischer Weise getrennt und fügen sich zu einem notwendigen Ganzen zusammen: Je besser ich mich selbst, meine Stärken und Schwächen, meine wahren und vorgeschobenen Handlungsmotive kenne, um so besser kann ich mit anderen Menschen in eine gleichberechtigte, von Respekt und Achtsamkeit getragene Beziehung treten und mich in ein Team einfügen. Das wiederum ist eine gute Voraussetzung dafür, dass wir in toleranter, einander ergänzender und einfühlsamer Weise das Zusammenleben so gestalten, dass sich jede, die möchte, aktiv in die Gruppe, in die inhaltliche Arbeit und die organisatorischen Abläufe einbringen kann. Wer mitarbeitet und regelmäßig an den Veranstaltungen teilnimmt, wird nach der rechten Zeit zur Gesellin befördert. Wer weiterhin engagiert bei der Sache ist, sich einbringt und im Kreise der Schwestern den eigenen Horizont erweitert, wird zur Meisterin erhoben. Aufnahme, Beförderung und Erhebung vollziehen wir in besonderen, so genannten Initiationsritualen.
Auch Lehrlinge und Gesellinnen sind vollwertige Vereinsmitglieder und nehmen an Mitgliederversammlungen und Abstimmungen teil. In den meisten Satzungen steht, dass bei den Wahlen für leitende Logen-Ämter in der Regel nur Meisterinnen kandidieren sollten, weil es für die Leitung von Verein und Loge - insbesondere bezüglich der Rituale - einer gewissen Erfahrung bedarf.