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“Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist“

Sonntag, Juni 19th, 2016

Mir brennt da was auf der Historikerinnen-Seele. Heute sah ich auf einer Facebook-Chronik einen Post, den ich nicht teilen oder verlinken möchte, um ihm nicht noch mehr Bedeutung zu verleihen. Ich werde ihn kurz beschreiben. Sicherlich werden einige von Euch den typischen Duktus erkennen: Drei Fotos von Zeitungsausschnitten mit Berichten über sexuelle Übergriffe und/oder andere Straftaten mit (oft) jugendlichen männlichen Tatverdächtigen mit Herkunftsangaben aus dem südosteuropäischen oder arabischen Kulturraum - ohne Angabe der Quelle oder des Datums; zusammengefasst unter polemischen, von Hass und Gewalt geprägten Schlagworten (oft mit zweifelhafter Grammatik und Orthographie) - wahllos gerichtet gegen Regierungsmitglieder/-behörden und generalisiert gerichtet gegen die als Tatverdächtige genannten Menschengruppen.
Ein Post, der eklektisch drei Zeitungsartikel ohne Angabe von Daten und Namen der jeweiligen Zeitungen zusammenstellt, erregt bei mir als Historikerin insofern schon großes Unbehagen, als dass mir die Möglichkeit genommen wird, mir selbst medienkritisch eine Meinung zu bilden, die Quellen zu prüfen, gegebenenfalls zu hinterfragen und mit anderen Berichterstattungen zu vergleichen.
Ein Post, der speziell Gewaltverbrechen an Frauen als Leinwand für die eigenen Äußerungen von Rassismus, Hass und Gewalt nutzt, weckt darüber hinaus bei mir als Feministin Kritik.
Dasselbe gilt für mich als Mensch auch grundsätzlich für Posts über andere Verbrechen, die ohne Berücksichtigung der tatsächlichen Untersuchungsergebnisse unserer rechtsstaatlichen Organe einfach auf irgendeine Bevölkerungsgruppe als “Generalverdacht” übertragen werden.
Sexuelle Übergriffe und Gewalt gegen Frauen - und Männer - sind schwerwiegende kriminelle Tatbestände. Sie als Projektionsfläche für Rassismus und Hetze zu benutzen, instrumentalisiert das Leid der Opfer und hilft nicht dabei, es ernst zu nehmen oder zu verringern. Ebenso werden dadurch nicht die tatsächlichen Ursachen für derartige Verbrechen hinterfragt und auch nicht an den verschiedenen gesellschaftlichen Umständen gearbeitet, die zu ihnen geführt haben könnten.
Dass solch ein Post mit seiner generalisierten und respektlosen Botschaft von Hass, Gewalt und Menschenverachtung von Menschen aus meiner Facebook-Freundschaftsliste gedankenlos (-ich hoffe sehr, es war gedankenlos!-) weiterverbreitet wird, erschüttert mich als Mensch sehr.
Und bevor nun der Begriff “Gutmensch” herbeizitiert wird, möchte ich sagen: Ja, ich hoffe, dass ich mich in dieser schwierigen Zeit (und auch sonst) als ein “guter Mensch” beweisen kann.
Ich hoffe sehr, dass ich in diesem momentan vom Extremismus auf vielen Seiten erschütterten Europa einer der Menschen sein werde, die ihre Menschlichkeit bewahren und die Grundwerte einer humanistischen Weltsicht aufrecht erhalten und leben: Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit, Toleranz, Humanität.
Diese Werte der Aufklärung sind übrigens ganz nebenbei etwas, das auch die Autoren und Philosophen der deutschen Aufklärung maßgeblich mit geprägt haben und auf das wir daher auch als Deutsche durchaus stolz sein können. Das ist doch mal ein schöner Grund, oder? Und etwas, das sich zu verbreiten lohnt.
Die Zeit des NS-Regimes von 1933 bis 1945 hat uns so viel unserer Kultur geraubt und uns so viele Mühen gekostet, uns mit ihren Schrecken und ihren Folgen auseinander zu setzen. Und sie ist (aus meiner Sicht als Historikerin) noch nicht so lange her…
Beruflich setze ich mich seit vielen Jahren für die Auseinandersetzung mit dieser Zeit und für den Erhalt einer Erinnerungskultur ein, um dem neuen Erstarken solcher extremistischen Tendenzen entgegen zu wirken. Darum tue ich das auch hier und jetzt.
Leider wird das oft durch Hass, Hetze und Gewalt geprägte Klima in den sozialen Netzwerken durch gedankenloses Teilen solcher und ähnlicher Posts unterstützt. Dabei ist es so einfach, sie kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls zu enttarnen.
Als Techniken erweisen sich unter anderem hilfreich: Überprüfen, Hinterfragen, Informieren, Konkretisieren, Individualisieren, Vergleichen, Entemotionalisieren.
Das ist ein hoher Anspruch, aber den stelle ich in erster Linie an mich selbst und hoffe, dass ich ihm gerecht werden kann und dass auch andere Menschen ihn mit mir teilen.
Ich weigere mich, mich der Angst vor jeglichem Extremismus zu ergeben, sondern möchte allen seinen Ausprägungen mit wachem Verstand begegnen.
Erich Kästner sagte in seiner Rede am 10. Mai 1958 anlässlich des 25. Jahrestages der Bücherverbrennung: “Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen. Später war es zu spät. Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird. Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf …”
Ich hoffe, dass ich -gerade als Freimaurerin- weiterhin meinen Beitrag zum “Schneeballzertreten” leisten werde.