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Wanted: Konfrontation auf Augenhöhe!

Sonntag, Februar 5th, 2017


Beim Aufschlagen der Zeitung sprang mir neulich folgendes Zitat von Joachim Gauck ins Auge: “Heftig streiten, aber mit Respekt und mit dickem Fell.” Eine offensive, robuste Streitkultur fordert Noch-Bundespräsident Gauck in seiner Abschiedsrede - die Fähigkeit des fairen Streitens um Inhalte scheint in unserer angeblich “postfaktischen” Zeit mit ihren Verbal-Schlachten mehr und mehr abhanden zu kommen. Es ist ja auch eine Herausforderung, auf argumentative Tiefschläge nicht mit “Gegenwehr” zu reagieren, sondern stattdessen eine faire, respektvolle Konfrontation zu wagen! Der Begriff “Konfrontation” leitet sich vom lateinischen “confrontatio” ab, was soviel wie “Gegenüberstellung” bedeutet. In “confrontatio” stecken das lateinische “con” (”zusammen, mit”) und “frons” (”Stirn”) - eigentlich geht es also darum, einander “die Stirn zu bieten”: es geht um eine Gegenüberstellung “auf Augenhöhe”. Im Werkzeugkasten der freimaurerischen Symbole findet sich als Anregung zur Auseinandersetzung mit dieser Fähigkeit der Begegnung u.a. die Winkelwaage. Auf die im rituellen Wechselgespräch gestellte Frage “Wie sollen Schwestern einander begegnen?” lautet die Antwort: “Auf gleicher Ebene, auf der Winkelwaage”. Und wie kann das im Alltags-Streitgespräch - nicht nur unter Schwestern - ganz konkret aussehen? Vielleicht geht es darum, überhaupt (wieder) miteinander zu sprechen - vielleicht auch darum, (noch) mehr Mühe in klare Kommunikation zu investieren; sowohl zuzuhören als auch den eigenen Standpunkt offen zu vertreten; weniger schnell aufzugeben, wenn Auseinandersetzungen kompliziert werden; den/die Menschen hinter der Meinung nicht aus den Augen zu verlieren… Ja, das ist anstrengend. Sehr sogar. Aber wie die Alternative aussieht, und dass sie keine wirkliche Alternative ist, erleben wir gerade. In diesem Sinne: Augen auf und durch!

Freimaurerei ist keine Privatsache - warum auch die FGLD zur Flüchtlingtragödie Stellung bezieht

Donnerstag, September 17th, 2015

“Europa droht zu zerfallen” lautet die Überschrift eines aktuellen Tagesschau-Kommentars zur Flüchtlingskrise, in dem Karin Bensch warnt: “Europa wird zersplittern, (…) wenn die Mitgliedsländer es nicht (…) schaffen, den Flüchtlingsansturm zusammen in den Griff zu kriegen.”

Die Frauengroßloge von Deutschland hat sich einer internationalen “Erklärung zur Flüchtlingstragödie” angeschlossen, die bereits von zahlreichen Freimaurer-Großlogen unterzeichnet wurde.

In ihrer Erklärung appellieren die Großlogen an die europäischen Regierungen, “eine gemeinsame Politik zu verwirklichen, die für einen würdigen und menschlichen Empfang derjenigen Bevölkerungsgruppen sorgt, die sich in Not und Elend befinden.”

Freimaurer-Großlogen - darunter auch die Frauengroßloge von Deutschland (FGLD) - äußern sich “im Verbund” öffentlich zu einem politischen Thema und “bekennen Farbe”. “Gut so!”, könnte man/frau denken, “Schließlich sollten Mitglieder einer Gemeinschaft, die sich Werte wie ‘Toleranz’, ‘Solidarität’ und ‘Brüderlichkeit’ auf die Fahnen schreiben, auch öffentlich Stellung beziehen, wenn diese Werte auf dem Spiel stehen!”

Doch die Reaktionen unter uns Freimaurerinnen der FGLD sind keineswegs einhellig begeistert - einige Schwestern sind der Auffassung, der internationale Appell verstoße gegen eine freimaurerische Regel, derzufolge wir in unseren Logen nicht über Politik und Religion diskutieren und uns weder als Loge noch als Großloge öffentlich zu entsprechenden Themen äußern.

Woher kommt diese Überzeugung?

In den sogenannten “Alten Pflichten” von James Anderson aus dem Jahr 1723 heißt es: “[Es] dürfen keine persönlichen Sticheleien und Auseinandersetzungen und erst recht keine Streitgespräche über Religion, Nation oder Politik in die Logen getragen werden.” (VI.,2. siehe u.a.
http://www.pdf-archive.com/2012/08/05/alte-pflichten-der-freimaurer-1723/preview/page/5/)

Die “Alten Pflichten” werden vor allem von Brüdern, deren Logen sich an die Großloge von England binden, als “Grundgesetz der Freimaurerei” anerkannt. Für uns Freimaurerinnen der FGLD sind die “Alten Pflichten” nicht bindend im Sinne eines maurerischen “Grundgesetzes” - andernfalls dürfte es uns gar nicht geben, da der Text Frauen klar von der Freimaurerei ausschließt!

Wie sollen wir es also halten mit der Politik?

Vielleicht können die folgenden Sätze von Bruder Hans-Herrmann Höhmann ein Denkanstoß sein:

“Logen und Großlogen formulieren keine po­litischen Programme, nehmen nicht Teil an parteipolitischen Auseinandersetzungen und vertreten nicht die Interessen gesellschaftlicher Gruppierungen und Verbände.

Dennoch hat die Freimaurerei eine politi­sche Wirkung: (…) mit der Verpflichtung zur Menschlichkeit thematisiert sie ein Grundziel jeder Politik, gemäß ihres Bekenntnisses zur Toleranz hilft sie, die politische Kultur im Sinne einer ’streitbaren Gesprächsfähigkeit’ zu verbes­sern, und durch das Erörtern wichtiger Zeitfragen in den Logen trägt sie zur politischen Urteilsbil­dung ihrer Mitglieder bei.”
(http://www.afuamvd.de/informationen/)

Jede Freimaurerin und jeder Freimaurer entscheidet eigenverantwortlich, wie er/sie die freimaurerischen Ideen und Werte in die Tat umzusetzt - gleichzeitig ist Freimaurerei keine Privatsache, weil sie uns auffordert, in der Welt (und damit öffentlich) einzutreten für Menschlichkeit, Toleranz, Solidarität und Brüderlichkeit.

In der aktuellen Flüchtlingskrise gibt es keine einfachen Antworten und fertigen Lösungen. Es wäre dennoch falsch, aus Angst vor “Vereinfachung” zu schweigen!

Lasst uns in den Logen üben, wichtige Zeitfragen jenseits von Rechthaberei, Starrsinn und Polemik offen, fair und auf Augenhöhe zu erörtern - und lasst und diese im Miteinander erworbene “streibare Gesprächsfähigkeit” einbringen in die öffentliche Diskussionen nicht nur aber gerade auch zur aktuellen Flüchtlingsthematik!

Auf Spiegel-Online schreibt Markus Becker unter der Überschrift “Europa in der Sinnkrise“:
“Wenn man dem Flüchtlingsdrama überhaupt etwas Positives abgewinnen will, dann vielleicht dieses: Es zwingt die Europäer, über sich selbst, über ihr Verhältnis zueinander und ihr Verhältnis zum Rest der Welt nachzudenken. Und wenn alles gutgeht, kommt am Ende eine EU dabei heraus, die Menschen aus guten Gründen anzieht und daraus ihre Stärke bezieht.”

In diesem Sinne: Nutzen wir die aktuelle Krise, um als Freimaurerinnen über uns selbst, unser Verhältnis zueinander und unser Verhältnis zur Welt (d.h. auch zur Öffentlichkeit) nachzudenken und zu diskutieren!

Wenn alles gut geht, kommt am Ende eine Freimaurerei dabei heraus, die Menschen aus guten Gründen anzieht und daraus ihre Stärke bezieht!