Wanted: Konfrontation auf Augenhöhe!

Februar 5th, 2017


Beim Aufschlagen der Zeitung sprang mir neulich folgendes Zitat von Joachim Gauck ins Auge: “Heftig streiten, aber mit Respekt und mit dickem Fell.” Eine offensive, robuste Streitkultur fordert Noch-Bundespräsident Gauck in seiner Abschiedsrede - die Fähigkeit des fairen Streitens um Inhalte scheint in unserer angeblich “postfaktischen” Zeit mit ihren Verbal-Schlachten mehr und mehr abhanden zu kommen. Es ist ja auch eine Herausforderung, auf argumentative Tiefschläge nicht mit “Gegenwehr” zu reagieren, sondern stattdessen eine faire, respektvolle Konfrontation zu wagen! Der Begriff “Konfrontation” leitet sich vom lateinischen “confrontatio” ab, was soviel wie “Gegenüberstellung” bedeutet. In “confrontatio” stecken das lateinische “con” (”zusammen, mit”) und “frons” (”Stirn”) - eigentlich geht es also darum, einander “die Stirn zu bieten”: es geht um eine Gegenüberstellung “auf Augenhöhe”. Im Werkzeugkasten der freimaurerischen Symbole findet sich als Anregung zur Auseinandersetzung mit dieser Fähigkeit der Begegnung u.a. die Winkelwaage. Auf die im rituellen Wechselgespräch gestellte Frage “Wie sollen Schwestern einander begegnen?” lautet die Antwort: “Auf gleicher Ebene, auf der Winkelwaage”. Und wie kann das im Alltags-Streitgespräch - nicht nur unter Schwestern - ganz konkret aussehen? Vielleicht geht es darum, überhaupt (wieder) miteinander zu sprechen - vielleicht auch darum, (noch) mehr Mühe in klare Kommunikation zu investieren; sowohl zuzuhören als auch den eigenen Standpunkt offen zu vertreten; weniger schnell aufzugeben, wenn Auseinandersetzungen kompliziert werden; den/die Menschen hinter der Meinung nicht aus den Augen zu verlieren… Ja, das ist anstrengend. Sehr sogar. Aber wie die Alternative aussieht, und dass sie keine wirkliche Alternative ist, erleben wir gerade. In diesem Sinne: Augen auf und durch!

Demokratisches Miteinander nach klaren Regeln

Januar 30th, 2017

Die Freimaurerinnenlogen der Frauen-Großloge von Deutschland (FGLD) sind eingetragene Vereine. Sie haben (so wie auch die FGLD als Dachorganisation) Satzungen nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch und weitere Ausführungsbestimungen (Ordnungen, Hausgesetze) und sind demokratisch organisiert. Es gibt regelmäßig Mitgliederversammlungen, Wahlen, Protokolle und Kassenprüfungen, kurzum, alles, was in Vereinen üblich und vorgeschrieben ist. Neben den spezifischen “freimaurerischen” Inhalten (Ritual, humanistische Werte, Ethik, Sinnfragen, Diskurs, Gästeabende etc.) gibt es Aufgaben und Pflichten, die jeder Verein hat, und klar definierte vereinbarte Regeln, nach denen sich die Mitglieder richten (müssen). Auch für die Veränderung der in Satzung und Ordnung festgelegten Regeln gibt es klar definierte Vorgehensweisen. Ich finde das nicht lästig, sondern gut so: Es schützt alle Logenmitglieder vor Willkür und Laissez-faire, vor autoritärem Verhalten einzelner und vor Beliebigkeit und schafft eine verlässliche, klare, transparente Struktur aus Rechten und Pflichten. Für mich gehört das zum Großlogen- und Logenleben dazu. Die Vorsitzende (Meisterin vom Stuhl auf Logenebene, Großmeisterin auf Großlogenebene) leitet nicht nur zusammen mit den beiden stellvertretenden Vorsitzenden (Aufseherinnen bzw. Groß-Aufseherinnen) das Ritual, sondern auch die Mitgliederversammlung, die das höchste Entscheidungsgremium ist. Das ist in meinen Augen kein lästiger “Orga-Kram”, nicht überflüssig oder bloß blöd - sondern unsere gemeinsame demokratische Basis, wichtig, nötig und hilfreich fürs Miteinander. Das alles macht Arbeit und Mühe, durchaus. Und doch bin ich froh, dass unsere Logen Vereine sind. Die Satzung einzuhalten und darauf zu achten, dass sie eingehalten wird, gehört nämlich auch zu unserer Tradition.

Kontakt mit Kotzbrocken - und wie war Ihr Tag?

Dezember 13th, 2016

Kotzbrocken

Für Menschen, die sich in unangemessener Weise äußern, gerne auch ohne jede Wertschätzung, habe ich als Kind das Wort “Kotzbrocken” gelernt. Gerade ist mir so einer begegnet. Jetzt frage ich mich, wie ich als Erwachsene und Freimaurerin in angemessener Form mit diesem Phänomen umgehe? Natürlich kommt es darauf an, in welchem Zusammenhang, in welcher sozialen Situation diese Begegnung stattfindet. Verpassen wir der Begegnung das Etikett “privat”. Mei erster Impuls folgt dem Motto “wie man in den Wald hineinruft, schallt es heraus”. Dementsprechend könnte ich mich, ohne mich jedoch selbst im Ton zu vergreifen, freundlich bestimmt zurückziehen. Hätte ich dem Kotzbrocken damit den Spiegel vorgehalten? Vielleicht würde er eine Verbindung zu seinem Verhalten erkennen, vielleicht auch nicht. Als Freimaurerin ist mir sehr bewusst, dass ich nur mich selbst verändern kann und niemanden sonst. Bedeutet das, dass ich mein Ego kontrollieren muss, dem Impuls, die Brocken hinzuschmeißen widerstehe und einfach mein Ding weitermache? Letztlich kommt es eben auch noch darauf an, worum es geht. In diesem Fall geht es um eine Unternehmung, an der viele Menschen engagiert beteiligt sind. Es bleibt eine Abwägungsfrage. Dass der Kotzbrocken mit seinem Verhalten womöglich durchkommt, daran hat mein Ego noch gewaltig zu knabbern.

(Foto: Christopher Paul / pixelio.de)

Symbole und Zeichen

Oktober 27th, 2016


Spätestens mit dem Eintritt in eine Loge lernt die Freimaurerin, sich mit Symbolen aus den Bereichen der Bauhüttentradition, der Natur und des Kosmos bewusst auseinander zu setzen. Bald erkennt sie auch Symbolik in Schriften, Bildern und Skulpturen, an Kathedralen, in entsprechend angelegten Gärten, an Gebäuden und vielleicht auch im Spiel der Zahlen.
Die Symbolsprache hilft, Dinge nicht nur oberflächlich wahrzunehmen.
Als die Menschen noch nicht lesen konnten, waren Symbole und eine reiche Bilderwelt eine Ausdrucksweise, die verstanden, „gelesen“ werden konnte. Die Masse der Informationen, die heute täglich auf uns niederprasseln, hat uns leider viel von der Deutung der Symbolik, der Bildersprache und Bildinterpretationen vergessen lassen. So entgeht uns ein Stück Kultur und damit einher geht auch ein Verlust an Phantasie und Tiefe.
Dabei hat sich mit Hilfe von Symbolen und Zeichen eine spezielle Sprache herausgebildet. Beides, Zeichen und Symbole, können von Menschen verstanden werden. Ein Zeichen erschließt sich unmittelbar – darauf ist es ausgelegt. Verkehrszeichen oder Warnhinweise bilden sogar eine ganze Zeichensprache. Die Botschaft von Zeichen muss demnach schnell verständlich und eindeutig interpretierbar sein.
Ein Symbol dagegen ist eine Ausdrucksweise, die interpretiert werden will. Es steht für eine Idee und will auf eine tiefere, universelle Bedeutung hinweisen. Ein Symbol erschließt sich üblicherweise nicht schnell, es muss von dem Betrachter ergründet werden, Schicht für Schicht, manchmal über Jahre. Es fordert den Betrachter heraus, tiefer zu schauen als auf die Oberfläche.
Das musivische Pflaster, das Wechselspiel zwischen hell und dunkel, regt zum Beispiel zum Nachdenken über die Wechselfälle des Lebens an. Freimaurerei regt zum Denken - auch über Symbolik - an.

(Bild: Lupo / Pixelio.de)

Kleiner Anruf mit großer Wirkung

September 13th, 2016


Namika: Lieblingsmensch

Ich bin jetzt gerade, in diesem Moment, total gerührt. Soeben hat mich meine beste Freundin angerufen, die ich schon seit der Schulzeit kenne. Sie war auf dem Heimweg von der Arbeit und hörte im Autoradio das Lied vom Lieblingsmenschen, sagte sie. Da musste sie mich einfach anrufen, weil ihr mal wieder aufgegangen sei, dass ich das bin - ihr Lieblingsmensch! Ich stecke gerade in einer unangenehmen Pflichtarbeit, die gar keinen Spaß macht. Und jetzt fühl ich mich so beflügelt, so reich, so wichtig, so beschenkt, dass ich fast weinen muss. Wie wunderbar!

Ein verborgenes Netz - Musik freimaurerisch inspirierter Komponisten

Juli 23rd, 2016

v.l. Naila Alvarenga, Klavier; Katja Zakotnik, Violoncello
“Frauen sind Freimaurer? Das war für viele Besucher die erste Überrschung beim Konzert ‘Ein verborgenes Netz’ [...]“.
So beginnt die Zeitungskritik der “Rheinpfalz” zu einem musikalisch-freimaurerischen Erlebnis, das am 17. Juli in Ludwigshafen/Rhein stattfand. Die Cellistin Katja Zakotnik und ihre Pianistin Naila Alvarenga spielten Musik freimaurerisch inspirierter Komponisten und zeigten in der Konzertmoderation, wie sich die Freimaurerei in Werken und Leben der Tonkünstler widerspiegelt. Die Schirmherrschaft über diesen wahrhaft außergewöhnlichen Abend hatte die Loge UNITAS i.Or. Mannheim übernommen und damit mehr als Präsenz gezeigt.

“Wie wir heute hören werden, sind einige Freimaurer auch bedeutende Komponisten gewesen, die Wunderbares vertont haben”, sagte die MvSt der UNITAS, in ihrem Grußwort.
Da war zum Einen Francesco Geminiani, der bei der Gründung der englischen Großloge 1717 Zeitzeuge war. Seine Sonate spielte das Cello-Klavier-Duo spritzig und erfrischend und es genoss dabei offensichtlich die kunstvollen Regeln des Barock. Danach rechnete man mit Moderation, doch mitnichten: die Tür des Saales flog auf und Meister Geminiani selbst kam zum Vorschein, gespielt von Günter Weißkopf, einem anerkannten Schauspieler im Bereich Improvisationstheater. Entsetzt und schockiert war er, denn ihm seien Noten abhanden gekommen. Das Publikum war plötzlich Teil dieses Dramas, das einer Anekdote nach diesen Komponisten letztendlich durch ein geschwächtes Herz zu Tode brachte.
Diesen Überraschungsauftritt verdaut, lauschten die ZuhörerInnen gespannt Katja Zakotniks Ausführungen über die Anfänge der Freimaurerei. An professionell erstellten Flipcharts verdeutlichte sie die Entwicklung der Steinmetze zu einer Bruderschaft.
Auch Mozart wurde später Teil davon und Beethoven, der selbst kein Maurer war, wandelte Arien aus Mozarts Oper “Die Zauberflöte” in Variationswerke für Cello und Klavier. Sowohl “Ein Mädchen oder Weibchen” -der Arie des Papageno- als auch “Bei Männern, welche Liebe fühlen” -einem Duett- spiegelt Beethoven die Entwicklung der Zauberflöten-Charaktere, wie Katja Zakotnik spannend erläuterte. Als die Musik erklingt, wird diese Entwicklung durch das farbenreiche und virtuose Spiel der Cellistin und Pianistin geradezu fühlbar. Die beiden international preisgekrönten Musikerinnen beeindruckten sowohl durch Fingerfertigkeit und Perfektion als auch durch Musikalität und fantasiereiche Tongestaltung.

In einer Pause, in der die UNITAS einen Ausschank vorbereitet hatte, kamen die Freimaurerinnen mit interessierten Zuhörerinnen ins Gespräch.
Danach gab es einen Zeitsprung: Jean Sibelius, der finnische Komponist und Freimaurer, war an der Reihe. Seine Musik drückt Dualität aus: Licht und Schatten sind offensichtlich zu hören. Katja Zakotnik und Naila Alvarenga spielten ein selten gespieltes Werk, die “Vier Stücke Op. 78″, die sich direkt in die Herzen des Publikums schlichen. Da war unter anderem die Romanze, die Katja Zakotnik am Cello unglaublich weich gestaltete, oder das virtuose Rigaudon, das die Zuhörer ins Staunen versetzte.
Den Schluss des Konzertes bildete der Komponist Johann Nepomuk Hummel, seinerzeit engagierter Freimaurer und sogar berühmter als sein bester Freund Beethoven. Dass sich dieser Mann ein Urheberrecht erdachte und damit den Grundstein für die heutige GEMA legte, ist nicht zuletzt der Inspiration geschuldet, die er aus seiner Mitgliedschaft in der Loge Anna Amalia zu den drei Rosen i.Or. Weimar zog. Cello und Klavier spielte seine “Variaitonen d-Moll”, die von der Presse als “artistische Supershow im Hochfrequenzbereich” bezeichnet wurden. Zurecht.


http://www.verborgenesnetz.de

Foto: C. Gaier

Denken Sie bitte nicht an Blau - oder: wie Freimaurer arbeiten

Juni 23rd, 2016

Mein Google-Alert meldete dieser Tage einen Bericht von bzw. über eine Loge. Die Überschrift bediente sich hartnäckiger Vorurteile, die ich hier nicht wiederhole, und setzte dem ein “wir … nicht” voran. Der Text war ganz informativ, dennoch ist das offensichtliche Bemühen um transparente Öffentlichkeitsarbeit schon vorher verloren. Warum? Einfach weil unser Gehirn so ist, wie es ist. Wir verarbeiten ständig eine gigantische Flut von Informationen und reagieren darauf - jenseits aller modernen Medien. Schon bei einem Gang über die Straße beispielsweise hören und sehen wir, was passiert, bewerten die Information, und legen im Zweifel einen Zahn zu, wenn sich beispielsweise ein Fahrzeug zu schnell nähert. Das alles sind keine bewussten Prozesse. Sie laufen automatisiert in unserem Gehirn und helfen uns dabei zu überleben. Das Problem: Unser Unterbewusstsein versteht keine Verneinung. Viel zu kompliziert. “Denken Sie jetzt mal nicht an Blau!” ist ein einfaches Beispiel. 
Damit wird zum Einen deutlich, warum das negierte Wiederholen von Verleumdungen oder Vorurteilen keinen positiven Effekt hat, sondern im Gegenteil, das doch so Falsche weiter präsent hält und sogar verbreitet.
Zugleich bringt mich dieser Punkt auf einen Kern freimaurerischer Arbeit: In der Loge hören Freimaurerinnen positive Aussagen, etwa: Wie sollen wir uns begegnen? Auf gleicher Ebene, auf der Winkelwaage. Wir wiederholen eben nicht fortgesetzt, was nicht gut ist. Wir nutzen positive Bilder und verstärken damit das positive Verhalten. Wir holen das, was wir wollen, beispielsweise also einen toleranten, menschlichen Umgang miteinander, durch Sprache in die Wirklichkeit. Die positive Formulierung dringt bis in das Unterbewusstsein und das hilft bei der realen Veränderung. Es wirkt. Davon bin ich jedenfalls überzeugt. 

(Foto: Dieter Schütz/Pixelio)

“Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist“

Juni 19th, 2016

Mir brennt da was auf der Historikerinnen-Seele. Heute sah ich auf einer Facebook-Chronik einen Post, den ich nicht teilen oder verlinken möchte, um ihm nicht noch mehr Bedeutung zu verleihen. Ich werde ihn kurz beschreiben. Sicherlich werden einige von Euch den typischen Duktus erkennen: Drei Fotos von Zeitungsausschnitten mit Berichten über sexuelle Übergriffe und/oder andere Straftaten mit (oft) jugendlichen männlichen Tatverdächtigen mit Herkunftsangaben aus dem südosteuropäischen oder arabischen Kulturraum - ohne Angabe der Quelle oder des Datums; zusammengefasst unter polemischen, von Hass und Gewalt geprägten Schlagworten (oft mit zweifelhafter Grammatik und Orthographie) - wahllos gerichtet gegen Regierungsmitglieder/-behörden und generalisiert gerichtet gegen die als Tatverdächtige genannten Menschengruppen.
Ein Post, der eklektisch drei Zeitungsartikel ohne Angabe von Daten und Namen der jeweiligen Zeitungen zusammenstellt, erregt bei mir als Historikerin insofern schon großes Unbehagen, als dass mir die Möglichkeit genommen wird, mir selbst medienkritisch eine Meinung zu bilden, die Quellen zu prüfen, gegebenenfalls zu hinterfragen und mit anderen Berichterstattungen zu vergleichen.
Ein Post, der speziell Gewaltverbrechen an Frauen als Leinwand für die eigenen Äußerungen von Rassismus, Hass und Gewalt nutzt, weckt darüber hinaus bei mir als Feministin Kritik.
Dasselbe gilt für mich als Mensch auch grundsätzlich für Posts über andere Verbrechen, die ohne Berücksichtigung der tatsächlichen Untersuchungsergebnisse unserer rechtsstaatlichen Organe einfach auf irgendeine Bevölkerungsgruppe als “Generalverdacht” übertragen werden.
Sexuelle Übergriffe und Gewalt gegen Frauen - und Männer - sind schwerwiegende kriminelle Tatbestände. Sie als Projektionsfläche für Rassismus und Hetze zu benutzen, instrumentalisiert das Leid der Opfer und hilft nicht dabei, es ernst zu nehmen oder zu verringern. Ebenso werden dadurch nicht die tatsächlichen Ursachen für derartige Verbrechen hinterfragt und auch nicht an den verschiedenen gesellschaftlichen Umständen gearbeitet, die zu ihnen geführt haben könnten.
Dass solch ein Post mit seiner generalisierten und respektlosen Botschaft von Hass, Gewalt und Menschenverachtung von Menschen aus meiner Facebook-Freundschaftsliste gedankenlos (-ich hoffe sehr, es war gedankenlos!-) weiterverbreitet wird, erschüttert mich als Mensch sehr.
Und bevor nun der Begriff “Gutmensch” herbeizitiert wird, möchte ich sagen: Ja, ich hoffe, dass ich mich in dieser schwierigen Zeit (und auch sonst) als ein “guter Mensch” beweisen kann.
Ich hoffe sehr, dass ich in diesem momentan vom Extremismus auf vielen Seiten erschütterten Europa einer der Menschen sein werde, die ihre Menschlichkeit bewahren und die Grundwerte einer humanistischen Weltsicht aufrecht erhalten und leben: Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit, Toleranz, Humanität.
Diese Werte der Aufklärung sind übrigens ganz nebenbei etwas, das auch die Autoren und Philosophen der deutschen Aufklärung maßgeblich mit geprägt haben und auf das wir daher auch als Deutsche durchaus stolz sein können. Das ist doch mal ein schöner Grund, oder? Und etwas, das sich zu verbreiten lohnt.
Die Zeit des NS-Regimes von 1933 bis 1945 hat uns so viel unserer Kultur geraubt und uns so viele Mühen gekostet, uns mit ihren Schrecken und ihren Folgen auseinander zu setzen. Und sie ist (aus meiner Sicht als Historikerin) noch nicht so lange her…
Beruflich setze ich mich seit vielen Jahren für die Auseinandersetzung mit dieser Zeit und für den Erhalt einer Erinnerungskultur ein, um dem neuen Erstarken solcher extremistischen Tendenzen entgegen zu wirken. Darum tue ich das auch hier und jetzt.
Leider wird das oft durch Hass, Hetze und Gewalt geprägte Klima in den sozialen Netzwerken durch gedankenloses Teilen solcher und ähnlicher Posts unterstützt. Dabei ist es so einfach, sie kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls zu enttarnen.
Als Techniken erweisen sich unter anderem hilfreich: Überprüfen, Hinterfragen, Informieren, Konkretisieren, Individualisieren, Vergleichen, Entemotionalisieren.
Das ist ein hoher Anspruch, aber den stelle ich in erster Linie an mich selbst und hoffe, dass ich ihm gerecht werden kann und dass auch andere Menschen ihn mit mir teilen.
Ich weigere mich, mich der Angst vor jeglichem Extremismus zu ergeben, sondern möchte allen seinen Ausprägungen mit wachem Verstand begegnen.
Erich Kästner sagte in seiner Rede am 10. Mai 1958 anlässlich des 25. Jahrestages der Bücherverbrennung: “Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen. Später war es zu spät. Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird. Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf …”
Ich hoffe, dass ich -gerade als Freimaurerin- weiterhin meinen Beitrag zum “Schneeballzertreten” leisten werde.

Religion ist Privatsache – oder: Die „Alten Pflichten“ sind nicht das Evangelium

Juni 15th, 2016

image

„Freimaurer müssen zwingend gläubig sein“, Freimaurerei setzt den Glauben an ein höheres Wesen oder an etwas Göttliches voraus.“ – solche Sätze höre und lese ich oft, auch in den einschlägigen facebook-Gruppen. Und zur Begründung der oft sehr kategorisch vorgetragenen „Basta“-Aussagen in Sachen Glaubenspflicht folgt oft und gern der Rückbezug auf Schriften eines gewissen Anderson von 1723, auf die so genannten „Alten Pflichten“. Der Mann hat damals eine Art Hausordnung, ein großes Regelwerk für Logen geschrieben. Vor knapp dreihundert Jahren war das offenbar notwendig – und es war fortschrittlich und klug, zeitgemäß und passend; auch heute noch gibt es Hausgesetze oder Logenordnungen, die vereinbarte Regeln festhalten. Die „Alten Pflichten“ wurden aber leider so berühmt und mit der Zeit so glorizfiert, dass sie für viele auch heute noch das Evangelium zu sein scheinen, dem buchstabengetreu Folge zu leisten ist. Ich halte das für einen großen Fehler. Die Haltung, dass ausgerechnet dieser Text auf ewig und wortwörtlich zu gelten habe, ist ein Rücksprung in vormoderne Zeiten und wirkt so fundamentalistisch und rückwärtsgewandt wie die Fundamentalismen mancher Bibel- oder Koran-Eiferer. Wir wissen heute, dass heilige Bücher der Religionen, politische Essays, Gesetzessammlungen, ja selbst wissenschaftliche Forschungsergebnisse ebenso wie die so genannten Alten Pflichten Andersons nur im historischen Gesamtkontext verständlich, schlüssig und gültig sind und zu gegebener Zeit fortgeschrieben, verändert und weiter entwickelt werden (müssen). Denn mit der Zeit tun sich neue, andere, breitere Wissens- und Erfahrungshorizonte auf. Ein moderner aufgeklärter Mensch weiß, dass auch Menschen ohne religiösen Glauben, ohne den Glauben an Göttliches oder göttliche Lenkung ethisch und moralisch handeln und sich ernsthaft mit Ethik und Humanismus auseinandersetzen können. Und er weiß, dass auch Menschen mit religiösem Glauben extremistisch, gewalttätig, zwanghaft und rechthaberisch sein können. Ein moderner aufgeklärter Mensch weiß, dass die Existenz Gottes weder bewiesen noch widerlegt werden kann. Insofern ist es logisch und richtig, wenn Menschen in der Postmoderne sich frei entscheiden, ob sie an Gott oder Göttliches glauben oder nicht – und die jeweils andere Entscheidung respektieren. Die automatische Koppelung der Freimaurerei an einen wie auch immer gearteten Glauben aber ist überholt. Manche Freimaurerinnen in unseren Logen glauben, sind sogar in Kirchen aktiv, manche glauben nicht und haben mit Religionen nichts zu tun. Das spielt bei uns keine Rolle. Ich meine, dass in der humanitären Freimaurerei religiöse Glaubensbekenntnisse generell kein Auswahl- und kein Ausschlusskriterium sein sollten. Einzig wichtig ist, dass Menschen, die in unseren Bund eintreten möchten, sich mit Toleranz, Humanität, Selbsterkenntnis und Wohlwollen, mit Liebe, Freiheit und Frieden identifizieren können und dazu beitragen möchten, dass sich diese Werte im Miteinander besser entfalten können. Was nicht zu uns passt, sind u.a. Menschenverachtung, Fanatismus, Egozentrismus, Hass, Gewalt und Zwang – ob mit oder ohne Gott.

Wer in Schwung kommen will, braucht Anstöße, die kraftvoll Kreise ziehen

Juni 3rd, 2016

momentum
Kreise, die sich immer weiter ausbreiten. Ein Gedanke, ein Wort oder ein ganzes Buch; ein Lächeln, ein Händedruck oder eine hilfreiche Handlung, ein Wissenschaftsprojekt, ein Film oder ein intensives Gespräch – und im entscheidenden Moment verändert sich etwas, gerät in Bewegung, richtet sich neu aus, wird interessant. Deshalb haben sich die Freimaurerinnen der neuen Loge in Dresden in Dresden den Namen MOMENTUM gegeben, was sich mit „Impuls“ oder „Augenblick“ übersetzen lässt und immer wieder daran erinnert, dass gelingendes Leben aus Entwicklung und Bewegung besteht.
Am letzten Wochenende konnte ich mit fast hundert Schwestern die Lichteinbringung in dieser Loge feiern. Zuvor hatten die elf Gründerinnen, von denen zehn aus der Potsdamer Loge „Märkisches Mosaik“ kommen, mehrere Jahre lang wichtige Aufbauarbeit geleistet: Sie waren mit Schwung, Kraft und Ausdauer auf den Straßen zwischen Sachsen und Brandenburg unterwegs und konnten vielerorts Impulse setzen und Frauen für die Freimaurerei begeistern.
Der Gedanke des Impulses wurde auch im Bijou umgesetzt. Es stellt bildlich dar, was die Logenmitglieder erwarten und hoffen: dass sich die schwesterlichen Impulse als schwungvolle dynamische Kräfte wellenförmig in konzentrischen Kreisen immer weiter ausbreiten, um schließlich mit anderen Wellen in Resonanz zu treten. Und dass die gemeinsame Arbeit weitere Kreise zieht, dass die Loge wächst und ihrerseits Impulse für die Gründung neuer Logen setzt. Der Amthyst steht für Harmonie, Sensibilität und Liebe und ist der Pulsator, der die Bewegung in Gang setzt und der Trägerin zugleich auch Geborgenheit und Wohlgefühl vermitteln soll.
Die Schwestern der Loge Märkisches Mosaik i. O. Potsdam, die den Aufbau der Loge tatkräftig und schwungvoll unterstützt haben, wünschen ihren Schwestern in Dresden weiterhin gutes Gelingen, Ausdauer und Schwung, viele neue Impulse und weiterhin Freude an der Bewegung.